Lisa Ehetreiber (13)

 

Die Menschen um sie redeten. Ihre Münder öffneten sich zu kleinen Höhlen, sie wölbten ihre roten Lippen nach außen. Sie hörte die Wörter, das Zischen auf ihren Zungen und das tiefe, gellende Geräusch, das aus ihren Kehlen drang, wie ein Mensch, der im Wasser atemlos nach Luft ringt.

Sie lächelte ihnen zu. Zeigte ihre gelbverfärbten Zähne und wartete, bis sich ihre schmerzenden Wangenmuskeln entspannten, doch sie zitterten, rissen, bis ihre trockenen Lippen aufsprangen. Sie schmeckte das süße, klebrige Blut auf ihrer Zunge, schluckte heftig, doch ihr schleimiger Speichel heftete sich an ihren Gaumen, schloss den Geschmack ein.

Langsam hob sie ihren Kopf und beobachtete die Weide, welche ihre Äste dem Boden entgegenstreckte, um voller Sehnsucht endlich die dunkle, weiche Erde zu erreichen. Der Wind ließ die kleinen Blätter tanzen. Sie bildeten ein seltsames Muster, das sie schwindlig machte, wenn sie in den Himmel schaute und die Blättchen, das Licht durch ihren Vorhang filterten. Rauschende Stille durchzog die Straße, dahinter das beruhigende Dröhnen der Stadt. Sie streckte die Hände aus.

Ein Schauer durchzog ihren schlanken Körper, als sie die eiskalten Hände ihres Gegenübers anfasste. Die dünnen, langen Finger umschlossen ihre eigenen. Das Mädchen hatte eine helle, gelbstichige Haut, durchscheinend wie die einer Toten, welche seit Tagen im Wasser trieb. Algenfarbene Adern vernetzten sich darunter, pochend, als Zeichen ihrer Lebendigkeit. Ein silberner Ring steckte auf dem knochigen Daumen, rutschte, fiel klirrend auf den schmutzigen Asphalt. Er rollte wackelnd, wurde von einem Zigarettenstummel gebremst. Ihre wässrigblauen Augen folgten ihm, Sie blieb jedoch regungslos stehen. Ihre Lieder wurden von einem dunklen Schatten verschleiert. Der Zwang, diese sonderbare Gestalt anzusehen, überrollte sie, hämmerte sich in ihr Gehirn. Ihre Lippen waren von einem violetten Glanz überzogen, ekelhaft, furchteinflößend. Auf ihrer Stirn prangten braune Flecken, einzelne verklebte Strähnen des blonden Haares wehten ihr ins Gesicht, streichelten ihre Wangen. Ihr Körper hatte keinerlei Vollkommenheit an sich, doch sie strahlte Anmut, wenn auch etwas Kühle aus. Es war angenehm, sie zu beobachten. Sie schien auf einer Wolke der Leichtigkeit zu schweben, die alles andere aufsog, unwichtig machte.

Sie starrte dem Wesen in die großen, glänzenden Augen, drückte die rötlich schimmernden Arme durch und begann sich zu drehen.

Schritte auf der Straße, erst langsam, dann trippelnd, fast hastig. Ihre nackten Füße klatschten auf den festen Boden, der grobe Asphalt schabte an der zarten Haut ihrer Füße. Die beiden wirbelten herum, rissen die Arme in die Höhe, schaukelten in den Böen des Winds und wiegten sich im Rauschen der Weidenblätter. Zufriedenheit schloss sich wie eine Kuppel über den jungen Frauen, tauchte sie in Freude und Glück. Die Welt um sie verharrte regungslos. Zurück blieben die beiden, mit sonnendurchflutetem Haar, tanzend in Einigkeit, deren Bann niemand außerhalb brechen konnte.

Plötzlich stolperte sie, fiel zu Boden, wie ihr Ring, doch nichts an ihr klirrte. Sie hörte bloß ein schürfendes Geräusch, hellrotes, heißes Blut floss träge über ihren Arm, tropfte perlend. Stille durchzog die Straße, drückend und beängstigend.

Sie sah auf die Stelle, wo sie gelegen hatte, hingefallen, wie ihr Ring, doch nicht klirrend, und erblickte – nichts.