Thomas Weissenberger (16)

Bewährung

Ich hatte den Eindruck, daß dieser Tag einer der langweiligsten Tage meines Lebens werden würde. Ich; das ist ein circa zwanzig, ach was, vielleicht fünfundzwa ... okay: Ein zweiunddreißig Jahre alter, ehemaliger US Marine Corp Lieutenant und jetziger Lieutenant Commander des Judge Advocat General Detective Corp (kurz JAGD) der Navy, auf den die Polizei nicht gut zu sprechen ist, weil er vor lan- ger Zeit einen dieser Kari- Polizisten im Gefecht, bei einem Friedenssicherungseinsatz im Irak erschossen hat. Es war nachts und mein lnfrarot-Restlichtverstärker war ausgefallen. Ich hielt ihn für einen dieser irakischen Saddams, Achmeds und Mohammeds. Na ja, hatte eben einen schlechten Tag. Ich habe keine Familie, keine Freundin und kein Haustier. Die einzigen Freunde auf die ich mich wirklich verlassen kann, sind meine beiden 13ienstwaffen, meine 1997er Chevrolet Corvette und meine gut ausgeprägte Beobachtungsgabe sowie ein gesunder Verstand gepaart mit guter Menschenkenntnis. Die idealen Voraussetzungen für einen Navydetektiv. Aber nicht jeden Fall kann man mit Intelligenz und Diplomatie lösen und wer jemals in New York war, der versteht mich. New York ist die Hölle, aber es ist wenigstens immer etwas los. In der Bronx in New York zum Beispiel, herrscht das Faustrecht. Wer den Finger immer am Abzug hat, bereit ist sein Leben um jeden Preis zu verteidigen und einfach der Schnellere beim Abdrücken ist, der hat schon fast gewonnen. Hierbei kommt mir natürlich die Berufserfahrung eines US Marines zu Gute. Zu meinem Beruf gehört auch das obligate Türen-eintreten, Haus-durchsuchen und das Mit-dem-FBI-arbeiten-und-so-tun-als-könne-ich-sie-leiden-Getue. Weiters gehört zu meinem Job aber auch beinahe grenzenlose Geduld und die Kunst zu warten. Wie heute. Ich bin um halb neun aufgestanden, in mein Büro im JAGD Hauptquartier in der Ovara Caivon Street gefahren, habe die Sekretärin aufgescheucht und mich dann in mein imposantes und helles Büro zurückgezogen. Der Boden war eine riesige Fläche auf Hochglanz poliertem Marmor und eine Wand war mit Spiegeln oder auch mit Marmor in den gleichen Farben wie der Boden verkleidet. An der gegenüberliegenden Seite des Spiegel- und Marmorwand befand sich meine Privatbar, für die ein richtiger Cocktailjunkie getötet hätte, hätte er gewußt, daß es so etwas gibt. In dieser Bar befanden sich über 80 verschiedene Spirituosen aus mindestens 20 Ländern. Egal ob ein österreichischer Schnaps eines Bauern, einem Malt Whiskey aus Schottland oder einem japanischen Reiswein, befand sich alles in meiner Bar. Die dritte Wand des Büros bestand aus Glas und man hatte einen perfekten Panoramablick über den Hudson River. An der Seite an der die Tür war, hängen in einem Abstand von etwa einem Meter meine ganzen Auszeichnungen, egal ob Bosnien, Irak oder Kuwait. Überall an strategisch wichtigen Punkten standen volle Whiskeyflaschen und lagen Zigarettenpackungen herum. Seit 0930 saß ich dort, in meinem überaus großzügig möblierten Büro mitten im JAGD Hauptquartier auf einem Ledersessel, hinter einem Schreibtisch der dem des Präsidenten Konkurrenz gemacht hätte, auf meinen ersten offiziellen Auf- trag als JAGD-Detective wartend, rauchte eine Lucky Strike nach der anderen und versuchte meine im Irakkonflikt erworbene Tapferkeitsmedaille mit besonders viel Effeff in den marmornen Mistkübel zu werfen. Außerdem ließ ich mich noch so nebenbei vom Polizeifunk berieseln, aber außer einem spektakulären Selbstmord (ein Wahnsinniger hatte sich mit ein paar Kilo (!) C4 in die Luft gejagt), 2 Morden, einem großen Verkehrsunfall, einem Raubüberfall mit Geiselnahme, ein paar Ver- gewaltigungen und unzähligen Mordversuchen und versuchten Überfällen schien in New York, freitags um 10 Uhr nicht viel los zu sein.

Plötzlich klopfte es energisch an der Tür. Verdammt! Sollte ich so tun als telefoniere ich mit dem General? Sollte ich die Zigarette ausmachen? Und was war mit den vielen Flaschen? Aber die Antworten auf die Fragen ergaben sich von ganz alleine. Erstens, wollte der General nichts von mir wissen, bis ich meinen ersten Fall gelöst habe. Zweitens mache grundsätzlich keine Zigarette aus, die nicht mindestens bis zur Hälfte abgebrannt ist und drittens verleihen die zahlreichen Whiskey- Schnaps- Rum- Wodka- und Weinflaschen an der Bar aus allen Herren Ländern dem Büro einen ganz gewissen Flair. Also rührte ich keinen Finger und schrie nur: "Herein!"

Die Tür, auf der in schwarzen Buchstaben "Lieutenant Commander John McLane, Judge Advocat General Detective" stand, öffnete sich und herein ging, nein schritt die mit Abstand wohl hübscheste Frau die mir je unter die Augen kam. Sie hatte schulterlanges dunkelbiondes Haar, nugbraune Augen und ein Lächeln, mit dem sie die gesamte Antarktis zum Schmelzen gebracht hätte. Irgend etwas war an ihr, daß mir sofort gefiel und ich wußte, es war nicht nur ihre - wie mir schien - voll- kommene Schönheit. Sie stellte sich mir als Miss Mary Ann Thornberg vor und ich sprang sofort vom Sessel auf, ergriff ihre zierliche, kalte Hand und wollte etwas sagen wie: "Was immer sie reparieren kommen, Miss Thornberg, ich danke Gott, daß es kaputt ist; Doch dann brachte ich nichts weiter heraus als: "ist mir eine sehr große Ehre, Miss Thornherg." "Ich bitte sie", antwortete sie mit der garantiert laszivsten Stimme auf Gottes schöner Erde. "Nennen sie mich Mary Ann."

Auf die Frage ob ich ihr eine Zigarette oder etwas zu trinken anbieten könnte sag- te sie nur: "Sehr gern, John. Burbon on the rocks, bitte."

Nachdem Mary Ann ihren Whiskey ohne mit der Wimper zu zucken geleert hatte und ich mich beeilte ihr nachzuschenken, fragte ich sie, was sie denn zu mir führte. Nachdem auch der zweite Whiskey ex ausgetrunken wurde und ich ihr die ganze Flasche mit dem Wort "Selbstbedienung" gab, wollte sie mir erst mal die ganze Geschichte erzählen. Als sie erzählte, sah ich ihr unverwandt in die Augen, daß sie auch etwas irritieren schien, doch sie hielt meinem Blick stand und sah mich so- gar etwas herausfordernd an. Oh, mein Gott, dachte ich, ich ertrinke in diesen Augen. Als sie mich plötzlich fragte, ob ich ihr überhaupt zuhöre, wurde ich kurz rot und bat sie, ihre Geschichte nochmals zu erzählen und ich nahm mir vor, ihr zuzu- hören. Also, begann sie, sie sei die Frau eines sehr einflußreichen amerikanischen Geschäftsmannes, der seine Interessen und vor allem die Interessen seiner Firma (es handelte sich um eine japanische Firma die Waffen aller Art herstellt) in den Vereinigten Staaten von Amerika vertritt. Okay, dachte ich mir, Interessenvertreter ausländischer Firmen sind hier in New York nichts Neues. Obwohl ich diese nämlichen Mitsubishi- und Toyota- und Nissan-Interessensvertreter auch ziemlich gerne nach Japan zurückbomben würde, wußte ich nicht was Miss Thornberg's Problem war. Ihr Problem sei nicht, dass ihr Mann steinreich sei und die Interessen irgendeiner Waffenfirma vertritt, sagte sie als ich sie darauf angesprochen hatte, sondern vielmehr, daß er seinen Pflichten nicht mehr nachkomme. Nun riß mir der Geduldsfaden. Ich war ohnehin schon sehr nervös, da dies mein erster regulärer Arbeitstag war und einige Tassen Kaffee, die ich als Frühstückersatz getrunken habe, taten auch ihre Wirkung. Ich fragte sie ziemlich scharf was das mit einem JAG Detektiv der Navy zu tun habe, wenn ein Vertreter, weicher Art auch immer, seinen womöglich privaten Pflichten nicht mehr nachkommt! Aber sie nahm unberührt von meinem Gefühlsausbruch einen Schluck Whiskey aus der Flasche und erklärte es mir. Er wolle seine Pflichten daheim nicht nur Nichterfüllen, ja, er könne gar nicht. Nun verstand ich gar nichts mehr. Und wenn ein ehemaliger CIA- Agent und derzeitiger Interessenveirtreter, fuhr sie fort, auf amerikanischem Boden mit einem Arsenal an Waffen, angefangen von Langstrecken-Fliegerabwehrraketen über hochexplosive Panzerbomben bis hin zu schiffsgestützten Mittelstreckenraketen einfach so verschwindet, fuhr sie fort, womöglich von Terroristen gekidnappt und in irgendeinem arabischen Staat gefangen gehalten wird, dann gehe das die Navy sehr wohl was an. Verdammt, dachte ich mir. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet. Ich wollte meine Arbeit beim JAGD ruhig angehen lassen, ein paar Colonels wegen sexueller Belästigung überführen und ein paar junge Rekrutinnen wegen übler Nachrede beschatten und so weiter. Aber gleich am Anfang einen Feldzug in ein Land voller Terroristen?!? Ich mußte wohl den Ge- neral verständigen. Es ging doch um die nationale Sicherheit! Obwohl, dachte ich mir, wenn sich der Waffenkidnapper samt gekidnappter Person schon in einem anderen Land befände, dann ginge es die nationale Sicherheit rein gar nichts an. Dann wäre das eine ganz normale JAGD-Ermittlung. MEINE JAGD Ermittlung!!!

Also sollte ich in ein absolut anti-amerikanisch eingestelltes Land marschieren und die Umstände um das Verschwinden eines Interessenvertreters und auch noch ehemaligen CIA- Agenten aufzuklären, resümieirte ich. Ich wußte, dass das kein Vertreter (und sei er von noch so brutalen Terroristen entführt worden) der Weit wert sei.

Aber ich wußte, für diese Frau würde ich alles tun. "ich werde alles veranlassen um diese mysteriösen Umstände aufzuklären und ihnen ein befriedigendes der besser ein mehr als zufriedenstellendes Resultat der Ermittlungen liefern. Ich bringe ihnen ihren Mann nach Hause. Außerdem halte ich sie auf dem Laufenden was die ermittlungstechnischen Belange angeht, das heißt ich kontaktiere sie, sobald sich etwas neues im Fall Thornberg ergibt. Dieser Fall bekommt den Navy- Codenamen "Projekt Delta 5". Wenn ich nun um ihre Telefonnummer bitten dürfte." Na! Ein bißchen JAG- Jargon und der älteste Detektivtrick der Welt um eine Telefonnummer herauszubekommen und sie war für einen Moment sprachlos und schien um ihre Fassung zu ringen. Aber dann überließ sie mir ihre Visitenkarte, verabschiedete sich und schließlich schlenderte oder wackelte sie (so genau konnte man das nach einer halben Flasche Jack Daniels nicht feststellen) zur Tür hinaus.

Nachdem Mary Ann aus meinem Büro torkelte, rief ich sofort in der Navy-Fahndungsabteilung an und gab die Fahndung nach dem Geschäftsinteressenausländerexagenten durch. Dann rief ich in der Finanzierungsabteilung für "Operationen außerhalb amerikanischem Hoheitsgebiet" im JAGD-Hauptquartier an und holte mir ein Operationsdariehen. Da dies mein erster Fall war, wollte ich nur läppische 120.000 US-Dollar für die ganze Mission nehmen. Dafür gingen alleine fürs Equipment und die Sicherheit 80.000 Dollar drauf. Die restlichen 40.000 sah ich als kleines Taschengeld, daß ich sehr gut gebrauchen konnte, denn meine Reise würde in Richtung Arabien gehen und ich wußte daß diese Kamel- und Ölscheichs nur allzu gerne ein kleines Bestechungsbackschisch in Form von harten Devisen annehmen. Diese Erfahrung machte ich schon 1991 in Kuwait.

Nachdem die finanzielle Frage geklärt war, fuhr ich mit meiner 97er Corvette auf der Interstate 66 in Richtung Mountain Home Air Force Base. Ich schoß mit knapp einhundertundneunzig Sachen über die Interstate, ließ alle japanischen Familien- autos samt Insassen weit hinter mir, mit halb aufgedrehter Anlage damit die Scheiben unter dem Schaltdruck nicht barsten und begann mich unter den harten und kühlen Heavy-Metal-Klängen der Fear Factoiry zu entspannen. In Mountain Home hatte ich noch einige Fragen bezüglich der Ausrüstung, der Luftunterstützung und der gesamten Logistik sowie CSAR an den Operator. (CSAR bedeutet übrigens Combat Search And Rescue was soviel bedeutet wie Such- und Rettungs- dienst im Kampfeinsatz). In der Air Base angekommen, wurde ich äußerst freundlich willkommen geheißen. Sie wußten wohl, daß dies mein erster Einsatz war und wollten mir die Nervosität nehmen. Aber ich war völlig ruhig und gefaßt. Ich behielt die Nerven selbst dann, als mir gesagt wurde dass CSAR unmöglich und Luftunterstützung nur in gewissen Bereichen und nach einer gewissen Vorbereitungszeit möglich sei. Keine Rettung im Falle einer Gefangennahme! Na ja, so lange ich nicht wie die Jungs in Vietnam faulen Reis essen muß, dachte ich, könne es nicht so schlimm sein. Dann ließ der Geschwaderführer des 366. Fliegergeschwaders und ehemaliger JAGD-Offizier mir meine neue Identität zukommen. Ich würde als kanadischer Geschäftsmann aus der Ölbranche auf unkonventionellem Wege nach Bagdad einreisen und einige Ölraffinerien besuchen. Darunter die Mam'hadjedu-Raffinerie; Herrn Thornbergs letzten bestätigtem Aufenthaltsort. Auf die Frage, wie meine ganze Ausrüstung nach Bagdad komme, sagte der Kommodore, ich solle mein Gepäck anschießen, einen GPS- Empfänger mitnehmen und 40 Tage in die Wüste gehen. Den Rest würden die Jungs von der Air Force- Transportstaffel erledigen. ich verstand im ersten Moment gar nichts, sondern stand nur desorien- tiert und sprachlos herum. Dann blickte ich den alten Geschwaderführer mit etwas verunsicherten Augen an, doch der drehte sich nur um und verschwand mit einem zynischen Lächeln auf den Lippen. Ich fragte dann einen der Logistiker was denn der Kommodore damit meinte. Ein Sergeant klärte mich schließlich auf. Ich solle mein Gepäck mit einem GPS-Code markieren was im US Air Force- Jargon "anschießen" bedeutet. Mit dem GPS-Empfänger kann ich dann das Signal, das von den "angeschossenen" Gepäckstücken ausgesendet wird, empfangen und so das Gepäck orten. Mit dem "ich solle 40 Tage in die Wüste gehen", meinte er, auf einem biblischen Ausdruck basierend, ich solle fasten. Zwar nicht aufs Essen bezogen, sondern in Bezug auf Funkverkehr. Dieser könne nämlich von den Saddams sehr gut abgehört und decodiert werden. Und der Spruch mit den Jungs von der Air Force-Transportstaffel bedeutet, daß die Air Force meinen ganzen Kram im Tiefflug aus einem Hubschrauber über der irakischen Wüste verstreuen wird. Um einiges Wissen reicher, schlich ich mich in mein Zimmer in der Kommandantenbaracke und schlief sofort auf dem Feldbett ein. Schreien, gegenseitigem Anfeuern, das erbarmungslose Geschrei der Ausbildner, das Singen der Rekruten, das liebliche Geräusch der Starts und Landungen der gewaltigen B-52 Bomber und einiger noch viel gewaltigerer Tankflugzeuge liegen mich schließlich am nächsten Morgen unsanft aufwachen. Etwas mürrisch - war ich doch zusätzlich von ein paar knapp Mach3 schnellen Jagdbombern die gerade im Tiefflug über die Basis donnerten motiviert worden aufzustehen - stand ich schließlich auf und machte den Fernseher an und ließ mich von gedroschenem Metal auf MTV mit 350 Watt Marke "Kenwood" verwöhnen. Dann marschierte in die Kantine um mir eine Tagesration Frühstück zu holen, weiches aus Speck, Eiern und einem ziemlich fettigen Hamburger bestand. Als ein vorbeieilender Sergeant mir sagte, daß dies womöglich mein letztes amerikanisches Frühstück sei, schmeckte es gleich mindestens doppelt so gut und ich schlang den Hamburger förmlich hinunter. Nachher schien es mir, als war dies der beste Hamburger den ich je gegessen hatte. Nach dem Frühstück ging ich zum Geschwaderkommandant um die Überfluggenehmigung über Feindesland zu bekommen. Ich traf ich beim "Weichklopfen des Frischfleisches" an (damit meint man die Einweisung von neuen Rekruten durch besonders erfahrene Haudegen im USAF- Jargon), wo er gerade über die Mentalität und Emotionen im Kampf philosophierte. Er ließ kurz von den Frischlingen (den neuen Rekruten) ab, um mir die Abflugzeit, Abflugmaschine, die Ausrüstung zu zeigen, zu erklären und - um mir Glück zu wünschen. Ein fester Händedruck und ich marschierte zu meiner Maschine, die mich nach Saudi Arabien bringen sollte. Es war eine B52H, einer dieser niedlichen Bomber mit den Ausmaßen von einer Länge von mehr als 50 Metern, einer Flügelspannweite von über 55 Metern und einem Bewaffnungsspektrum reichend von 81 1000 Pfund Brandbomben oder bis zu 20 Marschflugkörpern oder vier bis sechs Atombomben. Oder aber, sie ist mit einem Detektiv des Judge Advocat General Detective Corps der Navy und seiner 80.000 US Dollar schweren Ausrüstung bewaffnet. Dieses liebe Maschinchen würde mich nun nach Sorah'amman Air Base in Saudi Arabien bringen. Von dort aus werde ich mit einem Helikopter der Navy Seals über die Grenze gebracht und ab diesem Zeitpunkt, an dem ich feindliches Gebiet das erste Mal betrete, bin ich ganz auf mich alleine gestellt. Der Flug nach Saudi Arabien verlief ziemlich ruhig, nur ein einziges mal waren wir ernsthaft in Gefahr. Und zwar, als wir über Jugoslawien die Flugverbotszone überflogen hatten, hatte uns eine Boden-Luft-Raktetenstellung im Visier, aber bevor alle Feuerleitdaten eingegeben waren, ereilte sie schon die absolute Vernichtung in Form dreier hochexplosiver Lenkraketen, abgefeuert von einer Begleitschutz fliegenden F-16. Ich war ziemlich erschrocken, aber der Pilot blieb während des ganzes Vorfalls recht cool und meinte sowas passiere hier öfter. Über Jugoslawien ging es dann weiter über Griechenland, Türkei, Syrien und Jordanien nach Saudi Arabien und schließlich landeten wir auf der Sorah'amman Air Base.

Dort angekommen, wurde noch ein zweites Mal die Ausrüstung und die Einsatzziele besprochen und der Zeitplan durchgegangen.

Danach wurde es ernst. Ich stieg in den Helikopter und hob – begleitet von vier Apache und vier weiteren Cobra Kampf hubschraubern – in den jungen, nächtlichen Himmel von Saudi Arabien ab. Als ich mich schließlich einhakte um zu springen, deutete mir der Pilot noch "Viel Glück", ich erwiderte das Zeichen und dann stürzte ich mich hinaus, in die finstere, kalte Nacht. Ich aktivierte mein lnfrarot-Nachtsichtgerät und suchte nach einem Landeplatz. Ich fand ihn auch sofort, ein kleiner Kessel, der vermutlich von einer "verirrten" Bombe herrührte. Ich fühlte mich sofort wieder an den Kampf erinnert. Mich bannte der Gedanke, dass ich wieder im Krieg sei, so sehr, dass ich sogar vergaß, dass ich eigentlich nur hier war, um einen ausländischen Manager einer ausländischen Waffenfirma, der vermutlich von Terroristen gekidnappt wurde; auszuforschen und – wenn möglich lebendig – nach Hause zu bringen. Wenn ich ihn nicht lebendig nach Hause mitnehmen könnte, theoretisierte ich, dann könnte ich doch mit Mary Ann durchbrennen ...

Ich ortete meine drei Kisten mit der empfindlichen Ausrüstung mittels GPS, vergrub diese und nahm nur einen Aktenkoffer mit den Unterlagen, dem Geld und der Elektronik und eine Sporttasche mit. Ich richtete mich zurecht und wartete auf das Morgengrauen um loszugehen. Als die Ersten warmen Sonnenstrahlen über die Sanddünen krochen und es merklich begann wärmer zu werden marschierte ich los. Ich lief so circa eineinhalb Stunden durch die Wüste, als ich einen Bus aus- machte, der auf einer unbefestigten Straße, in Richtung Bagdad fuhr. Ich fuchtelte eine halbe Minute mit meinen Armen, um den Fahrer aufmerksam zu machen und erklärte ihm, als er anhielt, dass ich ein verirrter Tourist sei, der seine Gruppe verloren hatte. Er schien es mir zu glauben, denn ohne herumzumeckern nahm er das Backschisch von 10 Dollar wohlwollend an, und konzentrierte sich wieder auf die Straße. Im Bus waren nur noch ein Teppichhändler der wohl in die Stadt wollte um dort seine überteuerte Ware anzupreisen und ein nach Geheimdienst aussehender Mensch in Anzug. In Bagdad angekommen, gab ich dem Busfahrer noch ein kleines Abschiedsbackschisch unter der Bedingung, dass er mich noch nie in seinem Leben gesehen, geschweige denn chauffiert hatte.

Nachdem der Chauffeur sich mit einem unverständlichen "Lahammillal machad" verabschiedete und wieder weggefahren war, betrachtete ich eingehend das Luxushotel in einem von einer Scheinfirma gemietetem Zimmer ich also logieren sollte und welche die Basis für folgende Operationen darstellen sollte. Ich betrat das Hotel durch die massiven Doppelschwingtüren und als ich mich in dem pompösen und luxuriös eingerichteten Foyer umsah, mußte ich mich ordentlich am Riemen reißen, um nicht sprachlos mit offenem Mund die ganze Pracht zu bewundern. Also ging ich, äußerlich total kalt gelassen von all dem Luxus der mich umgab, zur Rezeption. Die Iraker wissen, wie man devisenträchtige Geschäftsmänner beeindruckt, dachte ich mir, als ich mich anmeldete und zum Zimmer oder besser gesagt mich zu meiner Suite geleiten ließ. Ich bekam Suite 16, welche mich von der Ausstattung und der Einrichtung etwas an mein Büro im JAGD- Hauptquartier in New York erinnerte. Es gab einfach alles: TV mit Videorecorder, CD-Player mit einem CD-Sortiment von müder Klassik über seichten Pop bis hin zum feinsten Heavy-Metal. Ich nahm also eine CD von Metallica legte sie ein, drehte die Anlage auf halbe Lautstärke und verdrückte mich mit der Tommy Hilfiger-Sporttasche ins Badezimmer. Ich nahm den Störsender heraus uns aktivierte ihn. Dann installierte ich das Satellitentelefon, verband es mit dem Laptop und nahm Verbindung mit dem Pentagon in Langley, Virginia auf. Ich sendete ihnen meine Koordinaten, meine weitere Vorgehensweise, sie sendeten mir die aktualisieirte Zusammenstellung aller Waffen, die die Iraker verwendeten und dann zum Schluß ließ ich Miss Thornberg schöne Grüße aus Bagdad ausrichten. Nachdem die Verbindung wider unterbrochen war, sah ich auf die Uhr. Knapp drei Minuten hatte das Gespräch gedauert. Das lag unter der Zeit, die der irakische Geheimdienst brauchen würde, um mich aufzuspüren. Das hoffte ich jedenfalls. Dann hörte ich es an der Tür klopfen. Ich verstaute mein ganzes Gerät in der Tasche, ging zum Koffer, holte meine 9mm Pistole mit Schalldämpfer heraus, steckte die Pistole Gin den Hosenbund und öffnete vorsichtig die Türe. Zum Glück nur der Zimmerservice. Eine Frau (die, wenn sie einen Bart gehabt hätte, Saddam Nussein verdammt ähnlich geschaut hätte) brachte mir kleine Brötchen mit Lachs, Champagner (ich hasse diese französischen Spirituosen) und eine Marmelade die schrecklich nach Fisch schmeckte. Ich aß einige Lachsbrötchen und dann warf ich mich in die edelste Abendgarderohe (in einen Anzug von Armani) um dann dorthin zu gehen, wo man die vornehrneren Leute trifft; in die Bar. Dort trank ich ein paar amerikanische Whiskeys und versuchte mit einigen der einheimischen Ölmillionären ins Gespräch zu kommen. Spätestens nachdem ich einige Lokalrunden schmiß, hielten mich auch die anderen reich aussehenden für einen "spendablen Typ". An diesem Abend bekam ich mehr Information über diverse Dinge in Bagdad, (wie zum Beispiel die Beschreibung aller Frauen, die Saddam Hussein je gehabt hatte), als der CIA in drei Jahren nicht bekommen könnte.

Am nächsten Morgen, wachte ich durch ein durch Mark und Bein dringendes Piepsen auf. Es dauerte einige Sekunden bis ich verstand das dieses Piepsen nur auf das Telefon zurückzuführen sein konnte. Also hob ich ab und wollte schon eine gewaltige Tirade gegen Leute die mich um 1000 morgens aufwecken loslassen, aber ich kam gar nicht dazu. Eine bestimmte Stimme sagte nur: "Achad, erwartet sie. Kommen sie in 10 Minuten. Er wartet nicht gerne." Ich legte auf. Ach ja, Achad, erinnerte ich mich. Der Ölmagnat aus Bagdad, der zweit- oder drittreichste Mann nach Saddam. Der wurde nach ein paar guten, alten Jack Daniels ganz schön gesprächig. Da hat er mich auch gestern eingeladen, seine Ölraffinerie, welche etwas außerhalb von Bagdad lag, zu besichtigen. Weich Zufall, daß genau diese Raffinerie Herrn Thornbergs letzter vom CIA bestätigter Aufenthaltsort ist. Aber ich glaube nicht an solche Zufälle. Aber ich konnte doch dieser Versuchung weder als kanadischer Geschäftsmann noch als US Marine nicht widerstehen. Vielleicht war dies die einzige Möglichkeit Thornberg herauszuholen und ich will mir später einmal nicht nachsagen lassen, ich hätte sie nicht wahrgenommen. Ich steckte ein kleines handliches Handfunkgerät mit dem ich Luftunterstützung einer ganzen Air Base herbeifunken konnte in den linken Hosensack. In die eigens dafür entworfene Halterung im Sakko steckte ich eine 9mm Schnellfeuerpistole des United States Marine Corps mit Schalldämpfer und drei Ersatzmagazine. Das Handy darf natürlich bei einem so wichtigen Menschen wie mir, auch nicht fehlen. Dann schnappte ich mir noch schnell den Aktenkoffer mit den Papieren und anderen diversen militärtechnischen Spielereien und marschierte hinunter. Achad, der Ölmagnat wartete schon in einer weißen Strech-Limusine vor dem Hotel. Die Fahrt dauerte etwa eine halbe Stunde, aber die Zeit verging wie im Fluge in dem weich gepolsterten und klimatisierten Auto. Der Besitzer des Autos schenkte aus der kleinen aber feinen Bar einen exquisiten irischen Whiskey aus und klassische Musik untermalte die Szenerie. Achad war gut eingekleidet, wahrscheinlich GUCCI, dachte ich, und fragte ihn nach dem Programm. Er schien vorerst etwas zögerlich, aber dann schien er sich zu überwinden und stotterte einige - offenbar auswendig gelernte - Punkte herunter. Da wurde ich das erste Mal stutzig. Ein Scheich der nicht mal das Programm bei einer Führung seiner Raffinerie kannte? Das schien mir schon sehr merkwürdig, doch er begründete es damit, daß er nicht allzuviel Besuch bekäme. Aber als ich dann bewaffnete Wachen und Stacheldraht um den völlig abgeriegelten Komplex sah, wurde ich doch etwas neugierig. Der Ölscheich entgegnete jedoch nur, man hätte viele Feinde im Ölgeschäft. Im Komplex selber zeigte Achnd mir persönlich die Ölaufbereitungsanlage und das Kontrollzentrum von dem aus alles überwacht und kontrolliert wird.

Als sich mir jedoch von hinten vier leichtbewaffnete Wachen anschlichen und ich den Grund meiner Aktion in Begleitung zweier dieser Saddams sah, ging alles blitzschnell. Ich warf mich herum, nahm die UZI aus dem Halfter, packte Achad am Hals und hielt ihm die Schnellfeuerpistole an den Schädel. Als sich ein Wachebeamter anschickte den Alarmknopf zu drücken, feuerte ich wahllos ins Kontroll- pult. Ich ging dabei sehr selbstsicher vor, denn Achad hatte mir vorher erklärt, selbst wenn das Kontrollpult in die Luft fliegen würde, gäbe es ein Sicherheitssystem das alles absichern würde.

Doch innerhalb einer halben Minute war ich umringt von circa 40 ergrimmten doch zum Glück "nur" leichtbewaffneter Iraker, die alle ohne weiteres Saddam Husseins Bruder sein könnten. Sollte also einer auf die Idee kommen und mir das Lebenslicht ausblasen wollen, dann würde ich noch einige von ihnen zu Allah oder über den Jordan schicken. Doch so weit kam es nicht. Mister Thornberg, den ich für einen Gefangenen in dieser Festung hielt, trat ein und sprach nur ein Wort auf arabisch und die Iraker senkten die Waffen. Ich verstand die Weit nicht mehr.

Doch Mister Thornberg klärte mich sofort auf um Mißverständnisse, die möglicherweise tödlich endeten in voraus zu eliminieren. Er war ein ehemaliger CIA- Agent und hätte wichtige Informationen über ehemalige KGB- Agenten die hoch brisant wären. Doch er wollte diese Informationen nicht preisgeben, weil sonst sein und Mary Ann Thornbergs Leben durch radikale Kommunisten in Gefahr gewesen wäre. Darum hätte er sich mit einiger Handvoll Präsizionswaffen eine Existenz via Irak in Saudi-Arabien erkaufen wollen. Und wenn sich alle Wogen etwas geglättet hätten, hätte er Mary Ann hierher einfliegen lassen. Angeblich hatte der Vorsitzende einer fundamentalistischen Organisation die aus Ex- KGB-Agenten aus der DDR nach dem Mauerfall in Deutschland niederließ, Wind von der Sache bekommen und versucht natürlich zu verhindern, daß Thornberg auspackt oder gar in die USA ausgeflogen wird. Angeblich steht für die Verhinderung einer solchen Ausflugaktion von den Russen ein ganzes Kampfgeschwader MiG-29 zur Verfügung. Er selbst hält sich zur Zeit hier versteckt, aber er hatte nie die Hoffnung verloren, daß ihn jemand herausholt.

Ich fand, daß er hier noch am besten aufgehoben wäre und ließ nach meinem Equipment im Hotel schicken. Ich wußte, daß ich den Mann nicht mehr aus den Augen lassen konnte. Also beschloß ich, ihn als eine Art Bodyguard zu beschützen und ich sagte ihm, wenn er nicht von meiner Seite weicht werde ich ihn aus dem Irak herauszuholen. Als der Mann mit der Sporttasche ankam, nahm ich sofort Kontakt mit der Sorahlamman Air Base auf und forderte eine Rückholaktion. Ich machte dem diensthabenden Sergeanten klar, daß Unterstützung aus der Luft, ein paar gute Soldaten und möglicherweise einige Kampfflugzeuge verwickelt sein werden. Der Sergeant notierte alles und versprach alles weiterzuleiten und uns herauszuholen, aber die Aktion könnte frühestens in der nächsten Nacht erfolgen. ich sagte, es wäre okay und vergewisserte mich nochmals, wann wir den Einsatzplan abrufen könnten. Er entgegnete, dies wäre wahrscheinlich erst am Abend um 1800, möglich. Ich bestätigte und unterbrach die Verbindung.

Danach weihte ich Mister Thornberg beim vorzüglichen Dinner in den Plan ein und verheimlichte ihm auch nicht, daß es bei der Aktion gefährlich werden könnte, da ich befürchtete, daß diese fundamentalistischen Ex-KGBler nicht kampflos nach Hause gehen würden. Wir wiesen die Wachen an, schwereres Gerät auf die Mauern zu bringen, Nachsichtgeräte einzusetzen und höllisch aufzupassen, was außerhalb der Mauern passiert. Zum Glück jedoch verlief die Nacht ohne Zwischen- fälle. Am Vormittag holt ich noch letzte Informationen über die Aktion die um 2000 starten sollte ein und bereitete mich auf die Schlacht am Abend vor. Ich stellte einen Teil des in der Wüste verstreuten Waffenarsenals den Irakern zur Verfügung. Darunter auch einige von Mister Thornberg mitgenommene japanische Boden- Luft- Abwehrraketen, halbautomatische, amerikanische Maschinengewehre und ein 70mm-Raketenwerfer mit panzerbrechender Munition, sollte diese Wahnsinnigen mit Panzern angreifen oder etwas großes, unvorhersehbares eintreten. Ich unterrichtete Mister Thornberg im Gebrauch und Nachladen einer vollautomatischen MP5 mit Splittergeschossen und zweier 9mm US ARMY Pistolen. Dann versorgte ich ihn mit soviel Munition, daß er beinahe unter der Last der Kugeln zusammenbrach. Doch nicht die Ausrüstung, sondern vielmehr die Mentalität des Herrn Thornberg machte mir zu schaffen. Er hatte zwar die Waffen, aber ich be- zweifelte daß er imstande war, einen Menschen zu töten. Als es allmählich Abend wurde, wurden die Wachmannschaften immer fahriger und nervöser. Ich mahnte noch einmal zur allgemeinen Vorsicht und wartete ab. Am Dach standen mittlerweile der 70mm-Raketenwerfer und Luft- Abwehr- Raketen vom Typ "SAM". Ich wußte, daß es nicht mehr lange dauern konnte. Ich fühlte es. Und dann waren wir schon mittendrin. Um genau 1922 schlug die erste Granate ein. Ich stieg auf das Dach des gutgepanzerten Komplexes und sah einen Rotte Mil Mi-24 Helikopter. Der modernste Helikopter, den Rußland zu bieten hat, dachte ich. Auch die Mohammeds, Saddams und Achmeds standen andächtig herum, und es sah so aus, als wage es keiner die Hand gegen die Angreifer zu erheben. Doch die Wachen rissen sich aus der Lethargie los, luden alle verfügbaren Geschütze durch und fingen an zu feuern. Ungefähr fünfzig Maschinenpistolen und Gewehre spuckten Blei gegen die Feinde, ohne sichtbaren Schaden zu hinterlassen. Dann wurden die ersten Bo-den-Luft-Abwehrraketen startklar gemacht. Die erste Rakete zischte aus der Verankerung und verfehlte den führenden Helikopter nur knapp. Doch die zweite traf voll ins Schwarze und der russische Heli ging in einem schmutzigen Feuerhall ungefähr eine Meile vom Gebäude entfernt auf, und stürzte ab. Der zweite Meli eröffnete nun das Feuer. Rakete um Rakete lösten sich von den Halterungen des Hubschraubers und schlugen rund um uns ein. Dazwischen bestrichen Maschinenkanonengarben die Front des Gebäudes. Doch nun hatten die Wachen auch den Raketenwerfer am Dach stehen und feuerten eine Rakete nach der anderen. Eine weitere löste sich und schoß mit einem lauten Zischen begleitet in Richtung Helikopter, verfehlte sie jedoch und krepierte einige Meilen weiter. Ich ging inzwischen vorn Dach herunter, in den ersten Stock und suchte mir ein Fenster mit Blick auf den, wie ein zorniges Ungeheuer wütenden Helikopter. Ich nahm mein Scharfschützengewehr und blickte in den Sucher. Das erste, was ich sah, war der rote Stern unterhalb der Kabine. Das Gebäude zitterte unter den Einschlägen der 23mm Geschosse der Bordkanonen der Mil Mi-24, aber es dauerte nicht lange bis ich den Piloten des Helikopters im Visier hatte. Ich drückte zweimal schnell hintereinander ab und sah wie es dem russischen Piloten das Gesicht zerfetzte. Dann setzte ich das Gewehr ab und sah zum Hubschrauber hinüber. Die ersten paar Sekunden hing er reglos in der Luft. Doch dann hörte er scheinbar grundlos auf zu feuern und geriet ins Trudeln. Ein Sekundenbruchteil entschwand er aus meinem Blickwinkel, doch dann ging ein zweiter Feuerball über der irakischen Wüste auf. Da ich nach diesem Luftangriff, eine Infanterieattacke befürchtete und der Zeitpunkt der Rückholaktion immer näher kam, beschloß ich, zusammen mit ein paar Leuten und Mister Thornberg die Festung zu verlassen und uns bis zum Treffpunkt vorzukämpfen, noch bevor die Fußsoldaten eintrafen.

Wir gingen in die unterirdisch gelegene Garage, wo wir auf einen gewaltigen Fuhrpark trafen. Vom englischen Aston Martin bis hin zur amerikanischen Coirvette oder einem russischen Lada, war alles zu sehen. Sogar einen kleinen roten, frisierten VW Golf Gti konnte ich entdecken.

Aber wir brauchten etwas Größeres, Robusteres und Schnelleres. Mein Blick fiel auf zwei Jeep Cherokees mit Allradantrieb und bei einem auf der Ladefläche montierten Maschinengewehr Kaliber 12,7mm und bei dem anderen einem 40mm Granatwerfer. Ein Lächeln huschte für den Bruchteil einer Sekunde über mein Gesicht. Das war es, was wir für eine erfolgreiche Flucht brauchen würden... Das und eine gehörige Portion Mut und Glück. Wir teilten uns auf.

Schwerer bewaffnete Wachen in den ersten Wagen und zwei Wachen, Mister Thornberg und ich in den anderen. Der mit den Wachen vollbesetzte Jeep fuhr hinter uns nach, nachdem ich ihnen die Koordinaten übermittelt hatte, an denen wir mit den Navy Seals und der Luftunterstützung zusammentreffen würden. Kaum waren wir aus der Garage heraus gekommen, brach um uns die Hölle los. Von links vorne flogen uns Gewehrkugeln entgegen uns knapp hinter uns schlugen bereits einige Handgranaten ein. Die mußten sich hier eingegraben haben, dachte ich. Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, als es den Jeep, der hinter uns fuhr zerriß. Ich wußte in dem Moment nicht wer oder was diesen Jeep in die Luft gejagt hatte und ich wollte nicht daß es mit uns auch so endete. Doch da bekamen wir schon von oben Feuerdeckung. Irgendeiner der Wachen hat wohl unsere Situation richtig eingeschätzt und schießt mit einer 2cm Flak in eine getarnte Stellung der Russen. Auch einige Leuchtkugeln wurden abgefeuert. Der Himmel wurde in grelles Licht getaucht. Schon blitzten die ersten Maschinengewehre am Dach auf und bis zu zwei Meter hohe, blutgetränkte Sandfontänen wurden hochgerissen. Anscheinend hatten die Russen, Freunde mitgebracht, denn gerade als eine neue Leuchtrakete abgeschossen wurde, nahm eine russische Schnellfeuerkanone das Dach von der anderen Seite her, unter Beschuß. Einige zerfetzte, leblose Körper flogen über die Brüstung und schlugen zwanzig Meter tiefer mit einem schmatzenden Geräusch auf. Doch die Kameraden auf dem Dach hatten ihre Pflicht erfüllt. Sie hatten das feindliche Feuer von uns abgelenkt und wir machten uns so schnell wir konnten aus dem Staub. Während der Fahrt kletterte ich aus dem Auto und versuchte irgendwie auf die Ladefläche zu kommen. Als ich aus dem Fenster stieg, wehte mir zu meiner Überraschung sehr kalter Wind ins Gesicht, sodass ich Gefahr lief, hinunterzufallen, aber ich konnte mich gerade noch am Maschinengewehr festhalten und mich auf die Ladefläche hinaufschwingen. Ich nahm eine neue Kette, drückte sie in die Kammer des Maschinengewehres, lud durch und feuerte ein paar Kugeln zur Ermittlung der Seitenabweichung ab. Inzwischen lud eine Wache Granaten in die Kammer des Granatwerfers und montierte den Infrarot-Laser-Zielmarklerer. Ein bleistiftdünner roter Strahl bohrte sich durch die Nacht. Als wir an den Koordinaten angekommen waren, die Motoren der Jeeps ausgemacht hatten, und einige Zeit in der Dunkelheit verharrten hörten wir ein Geräusch. Wir stellten sofort jedes Flüstern ein, machten all unsere Waffen kampfbereit und aktivierten die Ziellaser. Da kamen eindeutig Leute. Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder waren das unsere Retter, also die Jungs von den Navy Seals, oder es waren terroristische Ex- KGB Agenten. Da war eindeutig jemand verdammt nah. Plötzlich sahen wir in der Dunkelheit einen roten Punkt zittern. Die Wache drückte sofort ab und feuerte Leuchtspur- und Splitter- munition in den Haufen ankommender Menschen. Ich zündete eine Magnesiumfackel an und warf sie in die Richtung, in der ich noch weitere Terroristen vermutete.

In dem Moment, in dem die Fackel zu brennen anfing, schlug eine von den Wachen abgefeuerte Granate in einen Terroristen ein. Sie traf ihn genau in den Brustkorb. Doch nichts geschah. Auf dem Gesicht des Terroristen lag ein Ausdruck des Schmerzes und der Verwunderung. Einen Sekundenbruchteil später zerriß es dem Mann die ganze Brust. Überall war Blut. Am Boden lagen nur noch blutige Stumpen, welche wohl die Beine darstellen sollten und ein ins Leere starrender Kopf.

Bei den Terroristen brach Panik aus. Alle schrien durcheinander und feuerten ins Leere. Ich lud das aufmontierte Maschinengewehr durch, schwenkte es herum und antwortete mit einem harten abgehackten Stakkato. Mindestens ein Meter hohe Flammen schlugen aus dem Lauf des Maschinengewehres und spuckten 12,7mm stahlummantelte Bleigeschosse den Terroristen entgegen. Einer dieser finsteren Gesellen hatte bereits zwei entsicherte Handgranaten in der Hand und lief auf uns zu. Ich riß das Maschinengewehr herum und drückte ab .... Nichts. Verdammt, dachte ich. Ladehemmung. Mister Thornherg schrie nur "Deckung" brachte seine vollautomatische MP5 in Anschlag und drückte ab. Eine Kugel nach der anderen schlug im Gesicht des KGB-Offiziers ein, bis es zu einer blutigen breiigen Masse aus Fleisch, Blut und Gehirnmasse wurde. Der KGB- Offizier fiel tot zu Boden, als ihm die Handgranaten aus den Händen glitten und die Sicherungsbügel vor- schnappten. Zwei Handgranaten zerfetzten den bereits Toten. Dann hörten wir schon ein leises Zischen das schnell lauter wurde. Zwei - anscheinend amerikanische - Kampfbomber jagten im Tiefflug über uns hinweg und klinkten zahlreiche Cluster Bombs über den Terroristennestern aus. Die Cluster Bombs sind im Prinzip nichts anderes, als Behälter, in denen sich zahlreiche Kleinstbomben befindet, die bei Kontakt explodieren. Diese Bomben richten oft bei ungepanzerten Zielen wie Jeeps und Infanterie gräßliche Schäden an. Dann entfernten wir uns vorn Auto und richteten uns eine sehr improvisierte Stellung ein. Wir brachten die beiden letzten, schwereren Maschinengewehre in Anschlag, legten alle Handgranaten und vollen Magazine bereit und luden alle Handfeuerwaffen durch. Wir warteten nun regungslos auf das Morgengrauen. Ich hatte zwar angeboten die Wache zu übernehmen, aber die anderen waren ohnedies zu aufgeregt um zu schlafen und hatten dieses Angebot ausgeschlagen. Als der Tag endlich anbrach vernahmen wir ein Geräusch. Die Nervosität, die in der Luft lag, konnte man förmlich riechen. Tiefes Brummen verriet uns, daß die US ARMY im Anmarsch war, und dieser Alptraum endlich ein Ende hatte. Doch es sollte noch ganz anders kommen. Das tiefe Brummen, das wir hörten, kam von agilen Apache Kampfhellkoptern, dem Besten das die ARMY derzeit im Stall hatte. Sie bestrichen die ganze Gegend mit 30mm Geschossen, aus der am Rumpf montieren Maschinenkanone.

Am Horizont sahen wir gleich darauf, zwei helle Blitze und kurz danach Rauchsäulen aufsteigen. Die Apaches führten ihre Arbeit fort und ackerten den irakischen Boden mit ungelenkten 70mm-Raketen und ihren Bordkanonen um, als wir ein helleres und leichteres Brummen vernahmen. Wir konnten sie aus einiger Entfernung schon erkennen, die amerikanischen Hoheitsabzeichen, dem berühmten Stern mit Balken. Es waren CH-53, Mannschaftstranspoirter und ich wußte, daß konnten nur die Navy Seals sein. Ein Gefühl des Stolzes wallte in mir auf, das allerdings sehr schnell verflog, als ich ein wohlbekanntes Zischen hörte das mit atemberaubender Geschwindigkeit zu einem grellen Pfeifen wurde. Jagdflugzeuge. Als wir sie genauer sahen, hoben wir die Waffen und Sekundenbruchteite später hämmerten unsere Maschinengewehre den angreifenden Maschinen hunderte Bleikugeln entgegen, ohne jedoch sichtbaren Schaden anzurichten. Über uns donnerten neun russische MiG-29M Kampfjets hinweg. Eine jede bewaffnet mit ihrer eingebauten Gsh- 23 23mm-Kanone, vier Luft-Luft-Raketen vom Typ "Alamoll und je einer 500kg-Laserlenkbombe. Aus circa fünf Meilen Entfernung sahen wir, wie sich zwei "Alamols" aus den Halterungen an den Flügel lösten und sich mit über dreitausend Stundenkilometern den Rettungshubschraubern entgegenwarfen. Im ersten Moment sah es so aus, als wären die Helikopter ihnen ausgewichen, doch schon in nächsten Augenblick gingen die Mannschaftstranporter in zwei schmutzigen Feuerbälle auf.

Die MiG's flogen eine elegante 180'-Kurve und schossen auf die Apaches zu. Doch diese waren nicht so wehrlos und so leicht abzuschlachten wie die Transporthelikopter. Die Waffensystemoffiziere in den Apaches, reagierten blitzschnell mit an- trainierter Präzision und machten nun ihrerseits die Luft-Luft-Raketen "Sidewinder" scharf und feuerten alle ab. Die meisten russischen Piloten konnten ihre MiG gerade noch hochreissen und somit der Vernichtung durch einen 11-kg-Brisanzsprengkopf entgehen, aber zwei Piloten waren schon zu nahe um noch den Raketen ausweichen zu können. Sie hatten gerade noch genug Zeit den Schleudersitz zu betätigen bevor ihre MiG-29 mit einem lauten Knall explodierten und es brennende Wrackteile regnete. Die Apaches wendeten und jagten den verbliebenen sieben MiG's noch einige Salven aus den 30mm Maschinenkanonen nach. Ei- nige dieser Geschosse fuhren in das linke Triebwerk einer MiG und brachten es zur Explosion. Der Pilot rettete sich mit dem Schleudersitz, und wurde dann vom Dach aus, unter Feuer genommen. Anscheinend wurde er ein paarmal getroffen denn man sah nur einen schlaffen, leblosen Körper an den Seifen des Fallschirmes baumeln. Vielleicht stellte er sich auch nur so, um nicht mehr beschossen zu werden, überlegte ich.

Die MiG's formierten sich gerade neu zu einem Angriff mit ihren Bomben, als vier F-15C Eagles heranheulten und sich den Russen entgegenwarfen. Diese Kampfjets sind die effizientesten und besten amerikanischen Jagdflugzeuge; bis an die Zähne bewaffnet und die Piloten brannten darauf, den Russen eines überzubraten. Lieutenant Colonel Fox legte im Cockpit der führenden F-15C Eagle in Kampfformation herangebraust kamen den Waffenschalter auf Luft- Luft- Raketen, wählte die "Sidewinders" aus und drückte bei 800 Metern ab. Der Flugkörper legte die Entfernung zum Backbordtriebwerk rasend schnell zurück. Er schlug in der Brennkammer des Nachbrenners ein, zer- fetzte die Backbord- Ruderfläche und nahm auf noch Teile vom Höhenleitwerk mit. Doch zum Erstaunen des Piloten flog die MiG mit dem Steuerbordtriebwerk weiter als wäre nichts geschehen. Es hatte auch den Anschein, als blieb der MiG die Ruder- und Höhenleitwerksfunktion erhalten. Der russische Pilot stieß einen Schreckensschrei aus und brachte seine Maschine in vertikale Fluglage um durch besonders hohe Beschleunigungskräfte den Amerikaner abzuschütteln.

Während Lt. Coi. Fox die viel zu kleinen Gefechtsköpfe der "Sidwinders" verfluchte, und seine F-15'C hart hochzog, legte er den Waffenschalter um und wählte die Maschinenkanone. Als er die MiG in den Kernschussbereich der Kanone brachte, feuerte er eine 2-Sekunden-Salve. Die panzerbrechenden PGU-28 Brandgeschosse, steppten über das Rückgrat des Flugzeuges, erreichte schließlich die Tanks, ent- zündete diese und die MiG explodierte. Doch Fox war zu nahe um seine F-15C noch aus dem Gefahrenbereich herauszufliegen und so flog er durch die trümmergespickte Rauch- und Flammenwand, zum Glück jedoch, ohne Schaden zu nehmen. Als Lt. Col. Fox die F-15C in eine stabile Fluglage brachte sah er sich um. Sein Anblick erfüllte ihn mit Stolz. Eine von einem Flügelmann abgefeuerte Rakete fand mit tödlicher Präzision ihr Ziel und explodierte im Cockpit des Feindflugzeuges. Alle anderen MiG's waren schon "unten", bis auf eine, die von den anderen zwei F-15C's davongejagt wurde. Um dem Agent zu zeigen, daß er sich keine Sorgen zu machen brauchte und daß sie jetzt alles unter Kontrolle hatten, flog er im Tiefflug über sie hinweg und wackelte mit den Flügelspitzen.

Ich lag sprachlos in unserer "Stellung" und sahen dem Spektakel beeindruckt zu. Die russischen MiG's hatten von Anfang an, als die amerikanischen F-15C's auftauchten, nicht auch nur den geringsten Hauch einer Chance. Die führende F-15 schoß aus knapp 1 Kilometer Entfernung eine Rakete ab, die zwar detonierte, aber keinen nennenswerten Schaden hinterließ. Dann zog der Pilot der MiG in einer Kurve hoch, bis er beinahe vertikal lag. Er versuchte mit aller Kraft den gnadenlosen Verfolger abzuschütteln, doch dieser machte das gesamte Manöver mit und feuerte mit seiner Vulcan-20mm-Maschinenkanone auf den Gegner, der nach einigen Einschlägen und einer Detonation zu einer Flammenwand wurde, durch die die F-15 hindurchflog, ohne Schaden zu nehmen. Nach knapp fünf Minuten jedoch, war der Spuk vorbei und der Führer der Staffel flog sehr tief über uns hinweg und wak- keite mit den Flügelspitzen. Nachdem die Eagles weg waren umgab uns beklemmende Stille und wir begannen uns umzusehen. Wir nahmen die Handfeuerwaffen wieder auf, sicherten sie und steckten sie weg. Die ersten Sonnenstrahlen machten sich durch stetigen Temperaturanstieg auch schon bemerkbar. Wir ließen die Handgranaten liegen und nahmen nur die Maschinengewehre und Maschinenpistolen mit. Es war bedrückend still um uns herum. In der unmittelbaren Umgebung des Komplexes, aus dem wir geflüchtet sind, schien der Sand gebrannt zu haben. Alles war schwarz und überall zerfetzte Leichen, verstümmelte Körper und Krater von Einschlägen. Wir fanden auch zwei tote, russische Piloten sich, die nach der Betätigung des Schleudersitzes bei der Landung das Genick gebrochen haben. Es schien im Umkreis von einigen Kilometern kein Leben außer uns zu geben. So marschierten wir vier - zwei Wachen, Mister Thornberg und ich - auf das beinahe völlig zerschossene Gebäude zu. Auch auf oder in dem Gebäude schien nichts das Gefecht überlebt zu haben. Wir betraten das Gebäude und es sah hier fast so aus wie außerhalb des Gebäudes. Brand- und Blutflecken an den Wänden und dem Boden, Einschusslöcher und Leichen. Doch die Terroristen schienen nicht viel weiter gekommen zu sein, denn als wir den Seminarraum, der etwas tiefer im Komplex lag, betraten bot sich uns ein völlig anderes Bild. Der Raum war so unberührt wie gestern um die gleiche Zeit. Am Tisch standen noch Tee, Kaffee und Gebäck, welches sofort von uns verspeist wurde. Dann holten wir meine Ausrüstung und begaben uns geschlossen aufs Dach. Dort versuchte ich Kontakt mit der Sohr'amman Air Base aufzunehmen, daß mir nach einigen Anfangsschwierigkeiten auch gelang. Der diensthabende Sergeant schien völlig überrascht zu sein, uns noch zu hören, denn er sagte selbst, daß das Massaker keiner überlebt haben könnte. Ich sagte ihm er solle uns abholen und wir würden ihn eines besseren belehren.

Er versprach sofort ein Schwadron Marines und ein Kampfgeschwader der ARMY zu holen; notfalls würde er sogar in dieses Land einmarschieren, sagte er. Ich sagte, wir wären schon zufrieden, wenn er uns hier rausholen und uns ein Bier kaltstellen könnte.

Nur knapp eine Viertelstunde nach dem Gespräch mit dem Sergeant hörten wir ein mittlerweile schon gut bekanntes Heulen. Insgesamt acht F-15C's zischten über uns hinweg und sicherten den Luftraum in vier Gruppen zu je zwei Kampfjets über uns. Zu dem Heulen mischte sich schon bald tiefes Brummen, welches von vier Apache Helikoptern herrühirte. Wir packten unsere Sachen und machten uns dar- an, den Komplex zu verlassen und nach Hause zu fliegen. Doch die Apaches landeten gar nicht, sondern suchten den Boden nach möglichen Gefahren ab. Doch nur ein paar Minuten darauf sahen wir drei Transporthelikopter im Tiefflug heranbrausen. Drei Helikopter?, überlegte ich. Das schien mir doch etwas zu viel zu sein. Doch kaum waren die Helis gelandet, gingen die Heckklappen auf und heraus stürmten zwanzig Marines pro Helikopter. Allesamt bis an die Zähne bewaffnet und in Kampfanzügen in Wüstentarnung. Der erste Zug warf sich um die Helikopter herum in den Sand und entsicherten die Waffen. Der zweite Zug kam zu uns und geleiteten uns zu den Helikoptern. Dabei hatten alle Marines ihre Waffen im Anschlag und suchten die ganze Gegend ab. Der dritte Zug schließlich sicherte das Gebäude, kam jedoch nach kurzer Zeit wieder zurück. Nachdem alle wieder in den Helikoptern waren, hoben diese ab und flogen - in Begleitung der vier Apaches - in Richtung Sohr'amman Air Base. Der Flug dauerte insgesamt nur vierzig Minuten und ich versuchte mich nicht zu übergeben. Wäre doch schade um den ganzen Kaviar den ich einige Tage zuvor gegessen hatte. Wir hatten keinerlei Feindkontakt beim Heimflug. Nachdem wir auf dem Frontflugplatz eingetroffen waren, strömten sofort Dutzende Menschen auf uns zu. Jeder wollte mir und Herrn Thornberg die Hand schütteln. Nach dem überaus freundlichen Empfangskomitee bekamen wird ganz heftig die Realität zu spüren. In Form dreier Mörser-Granaten. Sie schlugen einige Meter vor der Basis auf und detonierten. Zwei Sergeants schleppten uns sofort in den Kommandostand und deutete uns, den Kopf unten zu halten. Ehe wir noch richtig wußten, wie uns geschah, fing draußen ein Maschinengewehr zu Knattern an. Dazwischen Schreie und das Klopfen von amerikanischen Schnellfeuerpistolen. Marines in Wüstentarnung- Kampfanzügen huschten an dem Kommandostand vorbei, warfen sich in den Sand und feuerten. Dann noch einige Deto- nationen, die wahrscheinlich von Handgranaten herrührten und dann hörte der Spuk genauso schnell auf, wie er begonnen hatte. Es wurden einige Befehle gebrüllt, die Wachen verdoppelt und die Verletzten versorgt, als wir aufstanden und aus dem Kommandastand herauskamen. Wir gingen auf den Befehlshaber dieser "Einrichtung" zu und wollten wissen, was das gerade eben war, aber er sagte nur: 'Beim Abendessen, Jungs. Bitte lassen Sie mich jetzt meine Arbeit machen.' Dann rief er einen jungen Corporat und erklärte ihm, er solle doch bitte uns zu unseren Quartieren bringen. Wir wurden von dem Corporal in eine Baracke geführt und konnten uns dort endlich mal eine Dusche und frische Kleidung gönnen. Herrn Thornberg paßte die gefleckte Tarnuniform nicht besonders, aber mir paßte mein Kampfanzug wie angegossen. Als wir zum Abendessen in der Offiziersbaracke er- schienen, wurden wir mit Applaus begrüßt. Als ich nach dem Grund dieser Sympathiebezeugung fragte, meinten die Soldaten, wir wären die ersten, die den Irak lebend beziehungsweise freiwillig verlassen haben, seit 1993. Ich fühlte mich aber überhaupt nicht besser, weil ich plötzlich an all die Jungs denken mußte, die in diesem verdammten Land ihr Leben lassen mußten. Doch dann fiel mir wieder ein, daß ich eigentlich wissen wollte, was denn das irakische Empfangskornitee am Vormittag sollte. Der Commander, sein Name war Christian Fox oder so ähnlich, wurde plötzlich sehr ernst und erklärte uns die jetzige Lage dieser Basis. Anfangs, nach dem Ende des Golfkrieges 1991, hätte diese Basis eine Plattform für Verteidigung einige Meilen in Saudi-Arabischem Gebiet im Falle, daß die Iraker einen Gegenschlag ausführen wollten. Aber bei der Vermessung und dem Bau spielte leider einer der GPS-Vermessungssatelliten verrückt und so kam es, daß die Basis einige Hundert Meter auf verbündetem saudi-arabischen, auf feindlichem, irakischem Gebiet gebaut wurde. Die Iraker griffen deshalb nur gruppenweise, dafür aber beinahe jeden Tag diese Basis an. Und die Basis könne auch nicht aufgege- ben werden, sie brauchten Wochen mit dem Abbau der zusätzlichen aufgestellten Defensivwaffen. Sie hatten extra Maschinengewehre und Mörser im United States Marinecorp Hauptquartier angefordert, und trotz heftigster von der amerikanischen Seite Gegenwehr waren seit 1992 schon 76 Soldaten gestorben. Er hörte auf zu Sprechen und nahm einen Schluck Bier. Die vorher doch sehr ausgeprägte gute Stimmung schien jetzt vorbei zu sein. Jeder dachte an die Gefallenen, Freunde und Bekannte die sie schon seit der Grundausbildung kannten, die nur wegen eines kleinen verdammten Vermessungsfehlers ihr Leben lassen mußten. Wir beendeten unser Mahl dann noch schnell, tranken noch einige Biere, erzählten dem Commander unsere bisherigen Erlebnisse. Dann forderte ich Herrn Thornberg auf, doch endlich schlafen zu gehen um dann für den Nach Hause- Transport gerüstet zu sein. Er schien nur auf eine kleine Aufforderung gewartet zu haben, denn als ich ihn fragte, ob er sich nicht von den vergangenen Erlebnissen ausruhen möchte, stand er sofort auf, verabschiedete sich und ging. Ich folgte ihm und suchte das Gelände ab, aber außer ein paar wacheschiebenden, oder viel besser gesagt: pokerspielenden Marines konnte ich in der Dunkelheit nichts Verdächtiges bemerken. Wir gingen in unsere Baracke am hinteren Ende der Basis. So weit hinten war nur noch der Tower, der alle Flugoperationen überwachte, und ein paar Kisten zu einem Munitionslager aufgestapelt mit den neuen, gestern gelieferten Waffen. Als ich im Bett lag, fühlte ich mich plötzlich seltsam. Da war so ein Gefühl, als ob ich all das, was jetzt ist, schon einmal gesehen hätte. Mir kam alles schon bekannt vor. Ich konnte mit beinahe 100 %iger Wahrscheinlichkeit sagen, daß sich Herr Thornberg schlaflos herumwälzen und den Diseman von dem improvisierten Nachtkästchen nehmen würde. Genauso kam es. Er drehte sich im Bett herum, streifte die Ecke etwas ab, setzte sich auf und nahm den Discman, schaltete ihn ein und legte sich mit geschlossenen Augen wieder hin. Als ich ihn so daliegen sah, war das Gefühl stärker als je zuvor. Irgend etwas unvorstellbar altes, rnystisches schlummerte in ihm, und - ich konnte diese Kraft fühlen. Es war Wahnsinn. Diese Kraft gab es schon seit Anfang an. Ich kannte es spüren. Diese Kraft ist der Sinn alles Lebens, es ist der Grund für die Existenz des Lebens, die Argumente für die Existenz des Lebens und das Ziel des Lebens. Ich kannte dieses Ziel zwar nicht, aber ich würde mein Leben verwerten, daß es diese Kraft gibt. Diese Kraft, dieses Gefühl war Gott. Ich drehte mich um und deckte mich zu, denn in der Wüste ist es verdammt kalt in der Nacht, und plötzlich war dieses Gefühl verschwunden, als hätte ich es nie gespürt.

In dieser Nacht konnte ich nicht einschlafen. Ich mußte immer weiter über dieses überaus merkwürdige Gefühl nachdenken. Mister Thornberg schlief irgendwann lange nachdem die Batterien des Discman leer waren ein, doch ich lag in meinem Feldbett und starrte an die Decke. Mochte ich drei oder vier Stunden so reglos dagelegen haben - ich weiß es nicht mehr - als ich Geschreie und Panik vernahm. Und dann Schüsse. Ich hörte aber anfangs nur leichte Maschinenpistolen wie sie von irakischen Soldaten gerne benutzt werden, weil sie leicht handzuhaben und kein besonders großes Gewicht aufweisen. Schreie von Verwundeten drangen an mein Ohr. Ich nahm diese ganzen Geräusche wie in Trance auf. Fetzen von Schüssen von Maschinenpistolen, dazwischen Schüsse von schwereren, amerikanischen Maschinengewehren, Handfeuerwaffen, gebrüllten amerikanischen Befehlen und Explosionen von Handgranaten drangen dumpf und unwirklich an mein Ohr. Erst als die Tür aufgerissen wurde und ein junger Rekrut uns anschrie wir sollten verschwinden, schüttelte ich die Resignation von mir ab und sprang auf. Ich deutete dem mittlerweile auch munter gewordenen Herrn Thornberg, er solle sich auf den Boden legen und ruhig sein. Ich sah bei der Tür hinaus und lief auf einen Stapel Kisten der hinter dem Tower steht um Deckung zu suchen. Das Gefecht lief erst am Lagereingang und die Iraker (ich war der festen Überzeugung es handelte sich um solche), kämpften sich langsam in Richtung Rollbahn vor. Es lagen schon viele amerikanische Soldaten regungslos im Wüstensand. Zu viele. obwohl ich sie nicht genau sehen konnte, schätzte ich die irakische Übermacht auf 3:1, das heißt auf einen US-Amerikaner kamen drei Iraker. Ich schaute genauer auf die Kisten, hinter denen ich kauerte und merkte, dass dies die Waffenlieferungen waren, die laut dem Kommandeur der Basis erst gestern angekommen waren. Ich nahm mir zwei Schnellfeuergewehre, sogenannte M16's, zwei Gürtel mit Handgranaten und vier 9mm Pistolen und lief zurück in unsere Baracke. Herr Thornberg kauerte noch immer am Boden und schien zu beten. Als ich eintrat sah er auf, stand auf und klopfte sich den Staub von der Hose. Er fing die Waffen die ich ihm zuwarf, geschickt auf und legte den Handgranatengürtel um Hals und Schulter. Danach schlichen wir uns in geduckter Haltung aus der Baracke aufs offene Rollfeld. Feuer aus Pistolen waren ein ziemlich schlagkräftiges Argument um Deckung zu suchen. Aber auf einer Rollbahn (sie war eine 350 mal 100 Meter große ebene Fläche) schien dies zu einem schwierigen Unterfangen zu werden. Wir warfen uns also nur auf den staubigen Boden, brachten unsere Waffen in Anschlag und feuerten drauflos. Ich sah Mister Thornberg verbissen Kugel um Kugel in Richtung Feind schießen als eine Maschinenpistolensalve in seine Richtung steppte. Ich riß eine Handgranate vom Gürtel und warf sie in die Richtung wo ich den Schützen vermutete. Eine Explosion, ein Aufschrei und die Salve hörte knapp zwei Meter vor Herrn Thornberg auf die Erde umzuackern. Ich feuerte auf einige am Boden liegende Scharfschützen die knapp 500 Meter vor uns lagen, aber statt dem Hämmern des Gewehres hörte ich nur schnell aufeinanderfolgendes, metallisches Klicken. Ich griff in die Tasche mit den anderen Magazinen, doch sie war leer. Ich hatte vergessen, Reservemagazine mitzunehmen und so kam es, dass wir nur noch vereinzelt Schüsse aus den Pistolen abgeben konnten und ab und an eine Handgranate warfen. Die Kampfgeräusche in den anderen Abschnitten der Basis hörten nach einiger Zeit auf. Ich befürchtete das Schlimmste, nämlich dass die Iraker die Basis unter Kontrolle hatten. Aber solange ich diese Handgranaten hatte, einen Mund um den Splint herauszureigen und einen Arm um die Granate zu werfen, dann würde es keinem Iraker gelingen sich auf zwanzig Meter mir zu nähern. Das mag sich jetzt proletisch angehört haben, aber ich war bereit mein Leben zu verteidigen und sollte ich noch einige andere mit in den Tod reißen. Doch dazu kam es dann doch nicht. Einige kleine Büchsen, die ich zuerst für Granaten hielt kamen angeflogen, aber als sie zu zischen anfingen wußte ich mit welchem unbezwingbaren und unbesiegbaren Feind wir es hier zu tun hatten: Gas!

Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, wurde auch schon alles schwarz vor meinen Augen und ich fiel in einen unruhigen traumlosen Schlaf.

Ich wußte nicht wie lange ich geschlafen hatte, als ich aufwachte. Ich war auf der Ladefläche eines Lastwagens oder etwas in der Art. Ich befand mich in einem 3 Meter mal 2 Meter großen Metallkasten und wackelte bedrohlich, sodass ich annahm, er müßte, den Gesetzen Newtons folgend, umkippen. Er fuhr Über eine anscheinend unbefestigte Straße, denn es polterte gewaltig und ich schlug einige Male mit dem Kopf gegen die Wand. Es war sehr heiß. Licht drang nur durch ein kleines Fenster an einer Seite, ich dachte es war die Rückseite des Kastens ein. Als ich hinaussah, waren meine Augen derart geblendet, daß ich mich abwenden mußte. Herr Thornberg lag auch neben mir. Er schlief noch. Anscheinend ist er gefoltert oder zumindest verprügelt worden, denn seine Lippen waren aufgeplatzt, auf der Stirn hatte er ein Kat, ein Auge war blau und verschwallen und das andere blutverkrustet. Ich fühlte Durst und unbezähmbaren Hunger. Mir war es als könnte ich einen ganzen Büffel verschlingen.

Sollte dies das Ende sein? Das Ende einer langen Reise, meines Lebens'? Sollte ich nie wider in Miss Thornbergs wunderschönen braunen Augen blicken? Irgendwie war mir alles egal. Ich wollte mich irgendwo hinlegen und sterben. Aber ich dachte, einzig die Liebe zu Miss Thornberg würde mich am Leben erhalten. Außerdem war da noch tief in meinem Inneren diese uralte Kraft und Mystik, die mir sagte, ich für etwas Höheres bestimmt war. Und diese Kraft machte mir Hoffnung und gab mir die Stärke. Und ich wollte leben, ich MUSSTE leben ....

(Fortsetzung folgt)