Daniela Svabik (17)

Der Jäger und die Sennerin

Die Sonne schien, und am Himmel war keine Wolke zu sehen. Irgendwo machte sich eine Kuh bemerkbar. Die Welt war noch in Ordnung an jenem Ort; die Sonne schien, die Blumen blühten, die Kühe muhten. Nichts trübte die Alm von Lilienstein; keine Wolke am Himmel und kein böser Mann auf Erden. Eine kleine Hütte war hier gebaut und eine hübsche Sitzbank lud dazu ein, hier Rast zu machen. Unzählige Blumen nahmen sich auf der Wiese aus. Die Bienen bedienten sich an ihrem Nektar, aus dem der süßeste Honig entstehen würde.

Die Tür der bescheidenen Behausung öffnete sich, und die wunderschöne Sennerin trat hinaus. Ihr blondes Haar fiel über ihre zarten Schultern und ihrer wohlgeformten Brust entstieg ein wonniglicher Seufzer. Wie schön ist es doch auf der Alm, dachte sie. Ja, hier ist die Welt noch in Ordnung. Ihr Blick glitt über die gewaltigen Berge, die um sie herum lagen. Die schönen blauen Augen der Sennerin konnten sich gar nicht an ihnen satt sehen.

Ähnlich erging es dem jungen Jäger Franz mit dem hübschen Mädchen. Er liebte ihre schöne Figur und ihr warmes Herz. Aufrechte Zuneigung empfand er für die vom Schicksal so hart geprüfte schöne Sennerin. Denn wahrlich, das Leben hatte es nicht gut mit ihr gemeint. Beide Eltern waren ihr gestorben, und sie hatte keine weiteren Verwandten, als die alte bettlägrige Tante, um die sie sich kümmerte, wenn sie im Tal weilte. Ihre armen Eltern hatten ihr kein Geld vererbt, lediglich die Kuhherde, die sie nun hütete. Ohne männlichen Schutz müsste sie ihr Dasein fristen, wäre da nicht der junge Jäger Franz, der sich ihrer annahm. Der junge Jäger Franz war ein ehrlicher Mann, und das mochte die schöne Sennerin, denn auch sie brachte kein falsches Wort über ihre roten Lippen. Zwischen den beiden jungen Menschen hatte sich ein zartes Band geknüpft, das wohl eines schönen Tages auf der schönen Alm zur Liebe reifen würde.

Nach einem mühsamen Aufstieg erreichte der tapfere Franz die sonnige Alm und er lächelte, als er die schöne Sennerin erblickte. Ihr holdes Wesen hatte sich in sein Herz gezaubert, und auch sie verspürte keinerlei Ablehnung, als sie seiner gewahr wurde. Die beiden jungen Menschen, die schöne Sennerin und der junge Jäger Franz, sahen sich an und schenkten einander ein Lächeln. Musik schien zu ertönen, der Himmel geigte.

Wie leid er ihr tat, der tapfere Franz, der den mühsamen Aufstieg zu ihr nicht gescheut hatte. Fürsorglich und mit einem wohlwollenden Herzen machte sie sich daran, ihm eine ordentliche Brotzeit zu richten, damit er groß und stark blieb. Mit großer Dankbarkeit nahm der junge Jäger Franz die Gabe der schönen Sennerin an. Sie sahen sich in die Augen, und als sie das Muhen einer Kuh hörten, wusste der junge Jäger Franz, dass hier die Welt noch in Ordnung war, hier, auf der schönen Alm.

Mit einem Mal wurde die Stille durchbrochen von einem Schuss. Der junge Jäger Franz, der ein tapferer Mann war, wusste sofort, dass es sich hierbei nur um seinen langjährigen Widersacher, den gefährlichen Wilderer Willibald handeln konnte. Dieser trieb sein Unwesen schon seit geraumer Zeit in dieser Gegend. Auf hinterhältige Weise erschoss er die schönen Tiere der Berge. Doch der tapfere Franz konnte einige seiner finsteren Anschläge vereiteln. Dies ließ ihn in der Achtung der schönen Sennerin steigen.

Nun erschrak das blonde Mädchen und sie schloss ihre zarten Finger um den starken Arm des Jägers. Sie war sich seines Schutzes bewusst, und er selbst wusste nun, dass die Stunde der Entscheidung nahte. Die Kühe muhten, und die Berge ließen sich in ihrer gewaltigen Schönheit sehen. Die Sonne verfinsterte sich, Wolken zogen auf. In der Ferne ließ sich ein Donner vernehmen. Angstvoll blickte die schöne Sennerin den jungen Jäger Franz an. Ihre blauen Augen erflehten seinen männlichen Schutz.

Furchtlos erhob er sich, lud sei Gewehr und machte sich auf die Suche nach dem gefährlichen Willibald – die Stunde der Entscheidung war gekommen. Bald nahm er die Spur seines Widersachers auf, fast wäre er ihm entwischt, doch nun sah der junge Jäger Franz den gefährlichen Wilderer Willibald. Er folgte ihm bis zu seiner Hütte. Der junge Jäger Franz, der eine tapferer Mann war, sah hinein. Mit einem kräftigen Fußtritt trat er die Tür auf, vor ihm der gefährliche Wilderer Willibald, sein langjähriger Widersacher. Starr sahen sich die beiden in die Augen – dies war die Stunde der Entscheidung. Der junge Jäger Franz entsicherte sein Gewehr; er legte an und schoss.

Kaum achtete er auf dem Toten, der vor ihm lag. Langsam glitt sein Blick über die Stube, die so gar nicht der Alm der schönen Sennerin glich. Irgendwo lag ein Topf, nicht sauber gemacht. Ein Kind saß vor einem Fernseher, längst veraltetes Modell. Er spürte den Blick der Frau, die viel zu grell gekleidet war. Irgendwo schrie ein Kind. Konnte ihm niemand den Mund verbieten. Er schulterte sein Gewehr und drehte sich um, das Haus verlassend.

Diese Unordnung ertrug er nicht.