Melanie Gerhold (13)

Rosa Lippenstift auf dem T-Shirt – alles?

Ich hatte während der Scheidung von meinem Mann vor sechs Jahren ziemlich wenig Zeit für meine Töchter.

Lissi und Maggi haften damals während dieser Zeit Tagebücher geführt, und nun, wo sie im Begriff sind, auszuziehen (Lis will in Wien Jus studieren, Mag hat einen Freund in Paris, den sie heiraten will) und ich zu Hause verfaule, habe ich aus den gefunden Tagebüchern eine Geschichte geschrieben…

Lissi saß an ihrem Schreibtisch und kritzelte schnell die Mathe-Hausübung in ihr Heft, trank hastig einen Kaffee und fragte sich, warum sie an so einem Tag wie heute in die Schule gehen sollte. Sie war verstört und konzentrierte sich auf die Geräusche im Vorzimmer. Es war außer dem Schluchzen ihrer Mutter eh nicht viel zu hören. Und dann fiel die Haustür mit einem lauten "Bum" ins Schloss. Ihr Vater war weg.

Automatisch hörte sie zu schreiben auf. Sie sah ihn noch einmal, wie er in seinen Golf stieg und davon brauste.

Lissi stützte ihren Kopf auf und schloss die Augen. Es war ein Lippenstift gewesen, der plötzlich auf der Rückbank des Autos ihres Vaters lag. Lissis Familie hatte zwei Autos. Mamas Auto war damals in der Werkstatt. Durch ihre Brauserei (Durch Stress verursacht) baute sie öfters Unfälle…

Lissis Vater hatte sie ins Büro gefahren, da fiel ihr der Lippenstift auf. Klein und rosarot. Ihre Mutter hasste rosa Lippenstifte.

Als sie dann auch noch rosa Lippenstiftspuren auf seinem Hemd fand, war ihre Geduld vorbei, und sie warf ihn hinaus.

Es hatte auch schon vorher Zoff gegeben, wegen jeder Kleinigkeit, und so war das doch das beste, dass er weg war, oder? Harmonie zu Hause, nennt man das, was jetzt auf sie zukam.

"Lissi, tust weiter?" rief ihre Schwester Maggi von unten. Sie war ganz so wie die Mutter. Ewig im Stress, und hatte einen vollen Terminkalender.

Lissi stopfte das Heft in die Tasche und raste hinunter. In zehn Minuten sollte sie in der Schule sein, und sie brauchte für ihren Weg immer ungefähr zwanzig Minuten. Auch schon egal. Sie schlüpfte in ihre Schuhe und verließ neben ihrer Schwester das Haus.

Maggi war ihre Familie gleichgültig. Ihr genügte es, sie am Tag nur eine Stunde, beim Abendessen, zu sehen. So verzog sie auch keine Miene, sagte kein Wort über ihren Vater, sondern hatte den gleichen müden Blick wie jeden Morgen.

"Shit!" sagte Maggi plötzlich. Sie hatte eine Blick auf ihre Uhr geworfen.

"In der ersten Stunde hab‘n wir den Mathe-Berger, und der steht nicht grad drauf, wenn man bei Prüfungen zu spät kommt!" Sie seufzte. "Vor allem bei Fünferkanditaten…"

"Prüfung mit Mathe-Berger? Schwänz halt!"

"Geht ja net! Das wäre zu auffällig. Und außerdem… O Scheiße…"

Maggi blieb stehen. Total kalkweiß war sie geworden. Lissi nahm das verwundert zur Kenntnis.

Damit Maggi so k.o. war, musste schon was Schlimmes passieren. Normal ließ sie sich nicht so leicht verunsichern.

"Ich hab -dem Eddi ja versprochen, mich mit ihm im Stadtpark zu treffen! Ich blöde Kuh, ich! Ich hab mit ihm ausgmacht, dass ich heut schwänze. Und du weißt ja, wie der ist! Versetzt man den einmal, versetzt er dich für immer!"

Sie ging weiter und jammerte: "Aber der Berger trat g‘sagt, wenn ich heut‘ net anwesend bin, kann ich mir den Vierer streichen und darf ka Nachprüfung machen, weil ich schon in Englisch und Physik eine mach, und ich wiederhol‘ die Vierte tausendmal!"

"Wieso hast dem Eddi denn nicht g‘sagt, dass du heute Prüfung zwischen Vier und Fünf hast?"

,,Weil ich Aas das vergessen hab!" Jetzt war Maggi endgültig fertig. Sie ließ sich auf die Bank neben dem Gehsteig fallen und begann zu heulen.

Wegen so was weint sie?? Dachte sich Lissi. Sie hatte recht gehabt. Für Maggi stand die Familie an der allerallerletzten Stelle ihres Lebens.

"Mag, heute ist unsere Familie in Stücke gefallen! Und du weinst, weil du vielleicht den Eddi einen Tag nicht siehst!"

Maggi schaute sie an. In ihr zerbrach etwas. Dann sagte sie langsam: "lch weine nicht wegen der Schule. Und was heißt da ‚Familie‘?? Weißt du, wieviel ich dem Dad bedeutet hab? Nix! Gar nix! Ich war seine Tochter, die ältere. Muss man sich denn um die kümmern, wo man doch wegen den Tussen im Büro genug Stress hat? Er hat seine eigenen Probleme, ich habe meine. Ich war ihm immer scheißegal. Ich bin ja eben sein ungewolltes Kind! Er hat studiert, wie ich geboren wurde! Wegen mir musste er heiraten! Zwangslösung, verstehst du? Würde es dir dann viel ausmachen, wenn er weg ist?" Maggi fing wieder an zu heulen.

Lissi starrte sie an. Und je länger sie das tat, um so eher merkte sie, wie recht Maggi hatte. Sie und ihr Vater hatten aneinander vorbei gelebt. Aber wieso fiel ihr das erst jetzt auf? Mit dreizehn??

"Triff dich mit dem Eddi, Mag! Ich geh auch nicht mehr in die Schule. Muss das verarbeiten. Schließlich haben mir alle vorgemacht, wir wären eine richtig harmonische Familie!"

"Grindig, wenn man die Wahrheit erfährt, stimmts? Aber das ist deeine Schuld. Dir hätt‘s eben auffallen müssen… Tut mir leid, Sister! Ciao!"

Maggi stand auf und lief zur Straßenbahn, die um die Ecke bog. Lissi saß da. Sie fühlte sich leer, alleine. Dad war immer nur ihr Vater gewesen. O Gott! War ihm Maggi wirklich egal? So scheißegal? Sie nahm alles zurück, was sie über Maggis Coolness, was die Familie angeht, gedacht hatte. Das war fällig. Danach fühlte sie sich besser.

Ein paar Tage später lief Lissi durch die Stadt, kaufte sich hier und da was und dachte wieder einmal an ihren Vater.

Maggis Geschichte hatte sie verarbeitet, aber das sie ihrem Vater auch schon egal sein sollte, daran würde sie sich nie gewöhnen.

Das Leben ist doch der totale Reinfall! Das Leben ist shit! Dachte sie. Sie liebte ihren Vater, sie liebte Maggi, sie liebte ihre Mutter. Aber ihr Vater schien sie nicht zu lieben, sonst hätte er sich doch bei ihr gemeldet! Ihre Mutter hatte wegen ihm einen Nervenzusammenbruch, und Maggi hatte Stress in der Schule, hatte sich mit der Anni Meier zerstritten, und lebte nur mehr für ihren Eddi! Lissi bildete sich längst nicht mehr ein, das sie ihrer Schwester viel Wert war.

Da Maggi aber ihr trotzdem immer geholfen hatte, und Lissi bis jetzt immer noch ihr, tat sie es auch diesmal. Als sie sich gerade fragte, wie, sah sie im Gedränge am Hauptplatz plötzlich ein dunkelblaues Jackett. Dieses Jackett kannte Lissi nur von ihrem Vater. Und es war auch ihr Vater!

Neben einer Frau im roten Kleid ging er. Und gegen die Frau hatte die Mama sicher nie Chancen! Dunkelblonde Locken, rosarote Lippen und Sternchenaugen hatte sie.

Lissi glotzte nur so verwundert. Ihr Vater war zwar erst 34, aber es war trotzdem ein Wunder, das sich so eine wie die für ihren Vater interessierte!

Die beiden gingen an Lissi vorbei, ohne sie zu bemerken.

Lissi schlich hinter ihnen her. Sie zog eine Sonnenbrille aus ihrer Tasche und trug Lippenstift auf, damit ihr Vater sie nicht erkannte. Sie setzten sich in ein Eis-Café.

Lissi setzte sich unauffällig an den Nebentisch und hörte zu, was sich die Beiden zu sagen hatten.

"In Wien wirst auf jeden Fall besser bezahlt als hier, das sollte dir zu denken geben!" sagte die Frau gerade.

"Es hat doch nichts mit dem Job zu tun, Amy! Es ist halt so, dass ich doch noch zwei Töchter habe, mit denen ich auch glücklich war. Weißt du, ich habe sie aufwachsen sehen, hab sie für gute Schularbeiten loben können, und wie sie noch klein waren, bin ich mit ihnen immer Eis essen gegangen…"

,Maggi bedeutet ihm doch noch was! Yeah, er denkt an mich!‘ dachte sich Lissi.

"Aber geh, wir hab‘n doch auch bald ein Kind, Schnucki…" Schmatz, Schmatz, Bussi, Bussi … Die beiden küssten sich ewig, dann fuhr die Frau fort: "Des kannst dann auch aufwachsen sehen, mit dem kannst auch Eis essen…"

"Und wieso willst net in Graz bleiben?"

"Erstens hab ich in Wien an gutbezahlten Job, zweitens du künftig auch. Bist sogar der Boss der Bude!" Sie grinste ihn an, lachte, und sie küssten sich wieder.

Und dann bei dem schönen Satz: "Und du willst dein Mausi doch nicht enttäuschen!" reichte es Lissi.

Ja, gegen so eine hatte die Mama vielleicht keine Chancen, aber von der Charakterstärke her gewann die Mutter hundertprozentig!

Sie ging zum Tisch ihres Vaters, setzte sich auf einen freien Platz, und starrte den Riss in ihrer Jean an, als wäre das das Spannendste der Welt. Sie erwartete sich, dass ihr Dad was dazu sagte.

"Lissi, was willst du denn hier?"

"Na, was denn wohl?? Wissen, ob du mir vom Stephansdom eine Ansichtskarte schreibst!" fauchte sie und sah ihren Vater wild an.

"Wenigstens anrufen hättest uns können! Uns deine neue Adresse geben! Aber das is ja anscheinend wirklich zuviel vedangt…"

Dann stand sie auf, warf der Freundin ihres Vaters einen Blick zu und hoppelte davon in Richtung Jakominiplatz. Dort traf sie sich mit einer Freundin. Zeit zum Ausheulen.

"Toll! Soll ich mich morgen heulend vor ihm auf die Knie werfen, oder was?" fragte Lissi am Abend, als sie mit Maggi über den Nachmittag sprach.

"Zum Beispiel … Na, Sister, du gehst einfach nur zu ihm hin und sagst ihm, dass er dir fehlen wird und dass er dir seine Adresse geben soll. Und dass dir dein gestriger Ausfall Leid tut!"

"Es tut mir ja net Leid! Weil es ja wahr is! Er hätt sich wirklich wieder bei uns meiden können!"

"Dann entschuldigst dich halt net…"

"Genau!"

"Hat er wirklich g‘sagt, dass er wegen uns nicht weg will?"

Lissi nickte.

"Wow, der Alte weiß noch, das es mich gibt… Nein, er hat mich mögen, sicher, nur halt so, als wär ich eine gute Freundin von dir…"

"Bist du ja auch! Ich seh‘ dich mehr als Freundin wie als Schwester…"

"O, danke…" sagte Maggi schnippisch. "Gute Nacht, Lis!"

"Ebenfalls, Mag!"

Dann drehte sich Maggi auf den Bauch, und Lissi drehte das Licht ab und träumte davon, dass ihre Eltern wieder zusammenkommen würden. Aber den Traum verwarf sie gleich wieder. Weil er ihr wirklich zu kitschig vorkam.

Völlig außer Atem stand Lissi am Bahnsteig und starrte dem Zug nach Wien nach. Es war schlimm gewesen.

Sie war in die Halle gekommen, und hatte sehen müssen, wie ihr Vater mit der blöden Amy in einem langen Kuss versank. Lissis gestriger Traum war wie eine Seifenblase zerplatzt! Wie ihr Lieblingsarmband, das ihr vor wenigen Wochen beim Betreten des Kinos gerissen war, und wie alle kleinen Glasperlen durch den Saal sprangen, und im Dunkeln verschwanden.

Dann sagte eine Lautsprecherstimme, dass der Zug nach Wien Südbahnhof in fünf Minuten vom Bahnsteig 6 abfahren würde.

Lissi wollte zum Vater laufen, ihn umarmen und küssen, doch er bemerkte nicht einmal, dass sie überhaupt da war. Er hatte einfach nur seine Koffer genommen und war mit seiner Freundin die Rolltreppe hinunter zum Bahnsteig 6 gerannt.

Und wieder sah Lissi ihr Armband zerspringen. Ausgerechnet jetzt fiel ihr ein, dass es ihr ihr Vater zum ersten Schultag geschenkt hatte, als Glücksbringer.

Im Kino hatte sie es einfach hingenommen, doch nun…

Tränen kullerten Lissi über die Wange. Es ist nicht leicht, einen Dad zu verlieren, der früher mal mit dir Eis essen war, dich aufwachsen sehen hat und dich für gute Schularbeiten gelobt hat…

Es fing an zu regnen. Ihre braunen Haare fielen Lissi ins Gesicht. Sie drehte sich um und lief weg.

Dann war er da. Der eine Samstag mit der Zeugnisverteilung. Ihr sonst schönes Gesicht war leichenblass und verbittert gewesen, als Maggi aufgestanden war, und nun saß sie rosig und mit neuem Lebensmut auf den Treppenstufen der Schule. In der Hand hielt sie ihr Zeugnis und konnte es kaum glauben!

Sie hatte eine Vier Minus in Physik!

Als Maggi die Physik-Oma aufgesucht hatte, hatte diese gesagt: "Aber nur, wenn du bis zu den Ferien Interesse am Unterricht zeigst, Stöckeler!"

Und Maggi hatte in den letzten Wochen wirklich oft ihren Zeigefinger nach oben gestreckt.

Sie hatte dieses ganze Schuljahr also doch geschafft! Ein Felsbrocken fiel ihr vom Herzen, aber ein schwerer von der Sorte Obelix!

Naja, sie hatte immerhin noch eine Chance, das Schuljahr wirklich zu schaffen! Sie war so glücklich, dass sie tanzen hätte können!

Maggi streckte ihre Nase in die Luft, atmete tief ein und genoss es einfach nur. Sie hatte nicht einmal schlechte Ferienaussichten, denn in Englisch hatte sie eine Fünf plus, und bei Englisch-Nachprüfungen war der Englischlehrer nie streng. (Zumindest was die Anni Meier, Maggis Freundin, erzählt hatte.)

Da kam auch schon der Eddi mit dem alten Opel seines Vaters angebraust.

"Hi Ed!" rief Maggi, sprang von den Stufen und lief durch die noch herumstehenden Schülergruppen. Er küsste sie ziemlich lange, und fragte sie, ob sie nicht einmal seinen Hubberbubber-Watermelon-Kaugummi probieren wollte, kaute an ihm herum und teilte mit, dass sein Kaugummi noch Geschmack hätte. Dann küssten sie sich noch einmal mit Zungenberührung und Kaugummiaustausch. Maggi lachte.

"Und, wie war‘s in Wien, Schnüffel?" fragte sie.

"Ganz schön, Hasi-Maus! Soll da schöne Grüße von deinem Alten ausrichten, und deiner Schwester…"

"W o hast d u bitte D a d getroffen????"

"Na ja, war ziemlich cool. Wir sind am Bahnhof zusammengeknallt, und da is ihm sein Portemonnaie rausgefallen, und wie ich‘s ihm geben wollt, hab ich dein Foto und das deiner Schwester gesehen, und hab ihn d‘rauf angesprochen, und so…"

Er machte eine kleine Pause, bevor er fortfuhr: "Ach ja, er entschuldigt sich bei deiner Schwester, dass er sie net mehr angerufen hat, sagt aber, sie soll ihm schreiben, er kann euch übrigens selber nicht anrufen, weil er noch keinen Telefonanschluss hat, und sein Handy is a hin…"

"Die Lissi wird sich freuen, wenn sie das hört…"

"Du etwa nicht?"

"Ich weiß net… O Gott, Ed! Weißt du, seit er weg war, da, da hab ich ihn…"

"Vermisst, nicht wahr?"

Maggi fiel ihrem Freund weinend in die Arme.

"Du bist das Beste, was mir je passieren konnte…" flüsterte er in ihr Ohr, und sie konnte es nur erwidern…

Maggi und Lissi trafen sich noch in den Sommerferien mit ihrem Vater.

Für mich war es ein unbeschreibliches Rätsel, das Maggi plötzlich so gern zu ihrem Vater wollte. Natürlich ist mir das Verhältnis zwischen den beiden aufgefallen.

Von damals an hatte sich Maggi mehr um ihn geschert, hatte oft von ihm gesprochen. Die Vierte hatte sie geschafft, da ihr der Eddi in den Sommerferien Nachhilfe gegeben hatte. Sie wurde ein richtig fröhliches Mädchen, das, was ich an ihr immer so vermisst hatte.