Christof Capellaro (18)

Der Sumpf

Annemarie war fünf, vielleicht auch sechs. Sie hieß wie ihre Mutter, die ledig war, was im Gegensatz zu früher im Dorf keinen mehr ernstlich aufregte, manchmal aber dennoch Anlaß zu Tratsch – beim Kaufmann beispielsweise – gab, wie das in Dörfern eben so ist.

Denn dieses Dorf hatte nichts Ungewöhnliches an sich, außer vielleicht, daß es ziemlich weit im Norden lag, so weit, daß es im Winter fast ununterbrochen dunkel war und sehr kalt. Man sagt, daß die langen kalten Winter die Menschen verändern würden, was aber Unsinn ist. Sie waren nicht anders als die Menschen im Rest des Landes und in den südlicheren Teilen auch, nicht melancholischer und auch nicht – wie manchmal behauptet wird – sensibler, nicht roher, nein, sie unterschieden sich in nichts von den anderen Einwohner des Landes, das ein Land wie jedes andere war, und sich so durch nichts von den anderen in der Welt unterschied.

Aus der Hauptstadt führten mehrere Eisenbahnlinien in alle Himmelsrichtungen, und das Dorf lag an jener nach Norden, fiel somit also nicht einmal durch eine exponierte Lage auf, denn wenn man wollte, konnte man in zwei Schnellzugstunden in der Hauptstadt sein.

Doch obwohl das Leben dort unablässig vorwärtsdrängte und seine ständigen Neuerungen mit einiger Verspätung auch das Dorf im Norden erreichten, änderte sich das, was das Wesen der Menschen hier bestimmte, nicht. Die Menschen blieben immer gleich.

Annemarie, die so hieß wie ihre Mutter, fragte sich zeitweilig, wieso sie keinen Vater hatte, andere Kinder aber schon. Manchmal befragte das Kind darüber auch seine Mutter, die wie sie Annemarie hieß, ihr aber nicht darauf antwortete. Irgendwo hatte sie auch gehört, daß Kinder, wenn sie in einem gewissen Alter sind, einfach viel fragen und daß sie dann später von selbst wieder damit aufhören.

Sie erinnerte sich daran, daß sie im selben Alter auch stets eine Frage gestellt hatte, die sich allerdings nicht mit einem etwaigen Vater befasste, denn sie war ein eheliches Kind gewesen, was im Dorf in dieser Beziehung auch jedes Getuschel überflüssig machte. Überhaupt war ihre Familie damals nicht häufig Gegenstand von Gerüchten gewesen, abgesehen davon, daß man sich manchmal mit einem Augenzwinkern erzählte, daß es Niemann, ihrem Vater, Spaß mache, ihre Mutter, die wie sie Annemarie hieß, zu schlagen. Mit demselben Augenzwinkern wurde dann übrigens auch oft behauptet, daß es Niemanns Frau Spaß mache, geschlagen zu werden. Annemarie verstand das damals nicht.

Die Frage, die sie in ihrer Kindheit stellte, betraf den Sumpf, der am Rande des Dorfes lag. Niemann, ihr Vater, hatte ihr nämlich verboten, dorthin zu gehen.

Annemarie fragte ihren Vater oft, warum sie nicht zum Sumpf gehen dürfe, und der Vater schwieg dann und sagte ihr, daß sie ihn damit in Ruhe lassen und überhaupt ruhig sein solle. Sie aber fragte wieder und wieder, wie das Kinder in diesem Alter eben so tun, und schließlich schlug ihr Vater sie.

Dann fühlte sie ein kurzes aber stechendes Brennen auf der Wange, bis sie in ihr Zimmer lief, das düster war, weil es nordseitig lag, und wo das Licht dann gespenstische Schatten an die Wand malte, sie erschreckten, zugleich aber ihre Phantasie beflügelten.

Die Schattenbilder – Gestalten, Drachen, Monster, Feen, die in ihrer Vorstellung dann am Sumpf lebten, waren für sie wie die täglichen Gerüchte für die Erwachsenen, etwas, das die Wahrheit verschleierte und sie auf andere Gedanken brachte, manchmal aber auch erschaudern ließ.

Zeitweilig sah sie sich auch selbst als eine Schattenfigur, eine Seiltänzerin, die behände einen Fuß nach dem anderen auf das Drahtseil setzt, vorsichtig, um nicht links oder rechts in den Abgrund zu stürzen.

Als Annemarie schon etwas größer war, hörte sie das Geschwätz, daß ihr Vater ein Sadist sei und ihre Mutter es genieße, von ihm geschlagen zu werden, und einmal, da war sie vielleicht zehn, fragte sie ihn, ob das stimme und erwartete nun wieder keine Antwort zu erhalten und geschlagen zu werden, wie wenn sie nach dem Sumpf fragte. Doch der Vater hielt damals nur einen kurzen Moment inne und ging dann stumm aus dem Zimmer.

Der Vater schwieg überhaupt viel und schon sein Blick, sein Gesicht hatte etwas Starres, das nichts preiszugeben und alles für sich zu behalten schien. In den Gesichtern vieler, wenn nicht aller Männer, die in seinem Alter waren, wohnte dieses Fremde. Ja, etwas Fremdes ist vielleicht falsch gesagt, denn in dem Dorf war es keinem fremd, es war alltäglich, weil jeder es hatte.

Vielleicht verband sie soetwas wie ein Rätsel oder ein Geheimnis, das sie nicht aussprachen, sondern mitnahmen in ihre Gräber, die unweit des Sumpfes aus der torfigen Erde gestochen wurden und wo sie – wie man es sich in dunklen Nächten manchmal erzählte – nicht verwesten, weil die lehmige Erde sie konserviert.

Manchmal, wenn sie zechend im einzigen Wirtshaus saßen oder sich nach einer Versammlung vollaufen ließen, hätte man glauben können, nun wären sie nahe daran, ihr Geheimnis zu verraten – wenn nicht nach dem elften Bier, dann nach dem zwölften. Doch selbst im Wirtshausgeschrei blieb das Unausgesprochene, das keinem auffiel, ihnen selbst nicht. Ihre Frauen und Kindern nicht.

Vielleicht wäre es einem Fremden aufgefallen, doch auch das nur, wenn er länger im Dorf geblieben wäre und sich mit ihnen befaßt hätte, aber wer täte das schon?

Denn das Dorf hatte ja im Grunde nichts Ungewöhnliches an sich, wie es so dalag, friedlich umschlossen von Bergen und am Rand eines Sumpfes, an den sich grüne Matten und lehmige Senken anschlossen. Dort am Sumpf konnte auch das Gestrüpp wuchern, während die Bauern es am Rand ihrer Felder nicht aufkommen ließen. Nur der Sumpf selbst gab manchmal zischende oder blubbernde Geräusche von sich, als ob er etwas in sich trüge.

Für Annemarie war der Sumpf immer ein anziehender Ort gewesen, vielleicht weil er ein verbotener Ort war, vielleicht weil dort in ihrer Phantasie die Schattenwesen wohnten, vielleicht auch deshalb, weil sie es den mutigeren Kindern nachtun wollte, die die Verbote ihrer Eltern mißachteten und zum Sumpf liefen, um dort zu spielen.

Obwohl Annemarie nun erwachsen war und wiederum eine Tochter hatte, die Annemarie hieß, wußte sie noch immer nicht, was der Grund des Verbotes gewesen war. Es schien ihr außerdem so, als sei ihr der Sumpf noch immer verboten, als sei das Verbot, das der Vater damals ohne Begründung ausgesprochen hatte, noch immer aufrecht und gelte für die erwachsene Frau ebenso wie für das Kind.

Der Vater der kleinen Annemarie, der Sohn des Bürgermeisters, übrigens, war einmal, als sie noch zusammen, ja fast verlobt waren, mit Annemarie aus dem Dorf hinaus und in die Wälder spaziert. Da hatte sie ihm davon erzählt, daß sie noch nie am Sumpf gewesen wäre, wegen des unsinnigen Verbotes in ihrer Kindheit, und daß sie sich auch heute dort nicht hinwage, da sie doch eine erwachsene Frau sei. Er aber war daraufhin mit ihr zum Sumpf gegangen. Er hatte ihre Hand festgehalten, ja sie zum Sumpf hingezogen, obwohl sich etwas in ihr immer noch dagegen sträubte, dorthin zu gehen. Doch dann standen sie beide am Ufer, wo das hohe Gras und das Schilf wuchern, und sie lehnte sich an ihn. Das Quaken der Sumpfkröten war ein großes romantisches Konzert, und sie fühlten etwas entbrennen und es so auch nicht weiter verwunderlich, daß sie schließlich in die weiche Erde fielen und die kleine Annemarie zeugten.

Dann aber war ihr Kleid mit lehmigen Flecken übersät, worüber sie in diesem Augenblick lachte, was sie aber später befürchten ließ, daß ihr Vater sie fragen könnte, wo diese herrühren mochten. Diese Angst war aber unbegründet, denn als sie nach Hause kam, hatte Niemann sich mit seiner Frau eingeschlossen und da sie schrie, nahm Annemarie an, daß er sie schlug.

Später gab es im Dorf verschiedentliche Gerüchte darüber, daß Annemarie und der Sohn des Bürgermeisters am Sumpf etwas miteinander gehabt hätten, denen aber niemand ernsthaften Glauben schenkte, denn der Sumpf, war für »soetwas« tabu. Auch Niemann, der von schon recht betrunkenen Zechkumpanen davon hörte, hielt das für völlig ausgeschlossen.

Kurze Zeit nachdem das am Sumpf passiert war, hatte der Sohn des Bürgermeisters Annemarie verlassen und war in die Stadt gegangen.

Annemarie hatte nun daran gedacht, die kleine Annemarie nicht auszutragen, sie aber dann doch sein lassen, weil sie nicht einen Menschen töten wollte.

Als die kleine Annemarie nun fünf oder sechs war, fühlte sich ihre Mutter, die so hieß wie sie, aus irgendeinem Grund verpflichtet, das Gebot, das ihre ganze Kindheit bestimmt hatte, auch zu einem Gebot für ihre Tochter, die ja wie sie Annemarie hieß, zu machen.

Sie verbat ihrer Tochter also, sich dem Sumpf zu nähern, und als diese sie fragte warum, schlug sie sie. Sie wollte sie eigentlich nicht schlagen, aber die kleine Annemarie wußte nicht, was da mit ihr geschah und fragte sie noch ein zweites Mal, und Annemarie schlug sie wieder, und es war ihr ein wenig, als fühlte nun sie das Brennen des Schlages auf der eigenen Wange an ihrer Tochter statt, was aber wahrscheinlich nur daher kam, daß sie den selben Namen trugen.

Die kleine Annemarie aber war anders als ihre Mutter, die hieß wie sie, und ging zum Sumpf, um dort zu spielen, was insofern nicht weiter verwunderlich ist, als sie gerne im Sand und im lehmigen Untergrund kleine Kanäle anlegte und Wasser aufstaute, was dort im weichen sumpfigen Untergrund besonders gut möglich war.

Von Niemann, ihrem Großvater, hatte Annemarie eine kleine Blechschaufel und einen Kübel geschenkt bekommen.

Ungefähr eine halbe Stunde am Sumpf, kanalisierte sie das Wasser und staute es an einer bestimmten Stelle auf. Doch es sammelte sich immer mehr Wasser an und ihr Damm drohte schon zu zerbrechen, da kam sie auf die Idee, das Staubecken einfach tiefer zu graben, was mit der Blechschaufel in dem weichen lehmigen Untergrund auch relativ einfach durchzuführen war.

Ganz in ihre Beschäftigung vertieft, grub sie solange, bis ihre Metallschaufel auf etwas Hartes stieß, das ein Stein sein konnte. Es war ein Stein, aber ein sehr seltsamer. Er war dunkelgrau-bräunlich und – aus Neugier grub sie noch tiefer – es waren Gräser, nein es waren Haare daran.

Von ihrem Fund entsetzt lief Annemarie los, in ihrem Schreck jedoch in die falsche Richtung, tiefer in den Sumpf, sodaß sie plötzlich im morastigen Untergrund steckte und nicht mehr loskam, nein im Gegenteil, langsam immer tiefer einsank.

Annemaries Mutter, die wie sie Annemarie hieß – inzwischen vom langen Ausbleiben der Tochter beunruhigt – hatte nun das dunkle Gefühl beschlichen, daß ihre Tochter sich über das Verbot hinweggesetzt und ihr am Sumpf etwas zugestoßen sein könnte, weswegen sie nun das Dorf zusammenzutrommeln begann. Nur widerwillig folgte man ihr mit Brettern und Spaten an den Rand des Dorfes, mit der Begründung, daß Panik nun völlig unangebracht sei und das Kind doch auch ganz wo anders und nicht am Sumpf sein könne.

Doch als sie diesen erreicht hatten, erblickten sie sofort das Kind, das mittlerweile bis zum Kopf eingesunken war. Es war unweit der Stelle, wo Annemarie, die hieß wie ihre Tochter, und der Sohn des Bürgermeisters damals nach dem Waldspaziergang ins lehmige Erdreich gefallen waren und Annemarie gezeugt hatten.

Annemarie kam es nur kurz in den Sinn, denn dann war ihr Blick wieder starr auf den Boden gerichtet, starr stand sie da. Seltsamerweise schienen auch alle übrigen von dieser Starre erfaßt, denn keiner unternahm etwas, die Spaten in Händen und die Bretter bereit standen sie fast im Halbkreis am Rande des Sumpfes, tatenlos und schweigend, während Annemarie immer tiefer einsank.

Dann wandten die meisten sich überhaupt ganz plötzlich ab, denn man hatte die Stelle entdeckt, wo Annemarie den Schädel ausgegraben hatte, und etliche Jüngere drängten sich nun um diese herum, um einen Blick zu erhaschen. Da rief Niemann schließlich, daß man seiner Enkelin doch um Gottes Willen endlich helfen möge, worauf sich nun doch alle besannen, sich wieder dem versinkenden Kind zuwandten und begannen, einen provisorischen Rettungssteg zu errichten.

Niemann jedoch war – nun unbeobachtet – damit beschäftigt, den Schädel wieder mit Erde zu bedecken und die Oberfläche schließlich sorgsam wieder festzutreten. Er war zu dem selben Zeitpunkt damit fertig, als auch Annemarie gerettet war, und man ging schweigend zurück in das Dorf, wo alles wieder seinen Gang ging, wie es das eben tut in Dörfern, die sich durch nichts von all den anderen unterscheiden.

Obwohl eine größere Anzahl von Dorfbewohnern den Schädel gesehen hatten, schwieg man über dessen Fund. Das heißt, man redete nur über das Übliche und tat ansonsten so, als wäre nichts geschehen.

Nur ein winziger Teil des Schweigens war jetzt durchbrochen, jedoch eben nur ein Teil, in der Form nämlich, daß man zu Hause sich Gerüchte über den Fund des Schädels erzählte, sich gegenseitig jedoch einschärfte, das ja nicht weiterzuerzählen, so daß in der Öffentlichkeit, außerhalb schützender Hausmauern, kein Wort in diese Richtung fiel, sondern eine immer bedrückendere Stille sich ausbreitete, sodaß man sich nun eingeschlossen vorkommen mußte zwischen den schützenden Hausmauern. Die Mauern waren zu Grenzen geworden, über die hinaus nicht offen gesprochen werden konnte angesichts dessen, was offensichtlich geworden war. Dazu kam, daß es Winter geworden war und man sich nun überhaupt fast ausschließlich in den Häusern aufhielt, während draußen eine große weiße, reine Schneedecke die Landschaft zudeckte, einhüllte. Doch ansonsten blieben alle Verrichtungen die gleichen, und wenn man sich beim Kaufmann traf, dann tuschelte man über das Übliche und Unverdächtige.

Im Wirtshaus wurde gefeiert wie sonst, wenn sich vielleicht im Lauf der Wintermonate auch eine gewisse Bedrückung – aber ich kann mich auch täuschen – in den ansonsten ausdruckslosen oder dann eben fröhlichen Gesichtern breitmachte.

Draußen, außerhalb der schützenden Häuser, schien eine stumme Bedrohung überall zu lauern. Zudem wußte keiner genaues, und das leistete wiederum innerhalb der Hausmauern wild-wuchernden Gerüchten Vorschub, was andererseits allmählich auch dazu führte, daß man sich bei allem, was man irgendwo hörte, selbst oder gegenseitig beruhigte mit den Worten, daß das alles nur Lügen und Gerüchte seien. Die meisten sagten dann leichthin, daß sie das nicht interessiere, weil es dort ohnehin nichts zu sehen gäbe, das seien doch alles nur wilde Gerüchte und selbst wenn dort etwas wäre, so sollte man das, was dort vielleicht vor vielen Jahren gesehen war, in Frieden ruhen lassen und ebenso die Toten friedlich unter der Erde. So sagten es die Jüngeren, die etwa im Alter der Mutter Annemaries, die auch Annemarie hieß, waren, während die älteren Männer weiterhin nur schwiegen.

So brannte das Unausgesprochene wie die klirrende Kälte in den Gesichtern und auf den Wangen, die beim Erzählen neuer Gerüchte leicht erröteten, und loderte als gewaltiger undurchdringbarer weißer Nebel über allem.

Nur die älteren Männer schliefen schlechter, womit sie das, was sie vor so langer Zeit an denen, die nun als Leichen im Sumpf lagen, begangen hatten, gesühnt sahen, denn sie träumten nun fast ständig von jener Nacht, in der sie ein finsterer Drang dazu bewogen hatte, das Nachbardorf zu überfallen, alle zu töten, die Häuser anzuzünden, die Toten im Sumpf am Rande ihres Dorfes mehr einzugraben als zu begraben und am dämmernden Morgen, an dem es klirrend kalt war, zu ihren Frauen zurückzukehren, die ihnen weiter keine Fragen stellten, und über das Geschehene zu schweigen.

Als es Frühling wurde und der Boden am Sumpf wieder zu tauen begann, begriff der Bürgermeister, daß es zu handeln galt: Er ließ den Sumpf endgültig mit Erde zuschütten.