Kiara Roth (13)

Schritt für Schritt
kehrt die Erinnerung zurück …

Unruhig wälzte Emily sich hin und her. Ihr Schädel brummte fürchterlich, sie fühlte sich seltsam matt, und in ihrem Hals spürte sie ein fortwährendes Kratzen. Sie hatte einen bitteren Geschmack im Mund.

Sie hatte einen schlimmen Albtraum gehabt, an den sie sich jedoch nicht erinnern konnte.

Als sie den Kampf mit dem Schlaf gewonnen hatte, schlug sie die Augen auf und musste sogleich blinzeln, von der plötzlichen Helligkeit geblendet.

»Emmy?«

Es war die unverkennbare Stimme ihrer Mutter.

Emily hatte erwartet, in ihrem vertrauten, gemütlichen Bett zu liegen, doch nun stutzte sie. Sie befand sich in einem kleinen, spärlich eingerichteten Zimmer mit weißen Wänden. Ihr stieg ein wohlbekannter Geruch in die Nase, den sie jedoch nirgends zuordnen konnte.

Astrid Mayers beugte sich über ihre Tochter. In ihrem Gesicht spiegelte sich Kummer wider, aus ihren Augen war jegliche Lebensfreude gewichen.

»Was ist los? Wo … Wo bin ich hier?«

»Emmy«, wiederholte Frau Mayers beschwichtigend. Nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: »Ich bin so froh, dass es dir gut geht …«

»Mama!« Emily schrie fast. Sie wollte eine Erklärung. »Wieso sollte es mir nicht gut gehen?«

In dem Augenblick öffnete sich die Tür, und eine Frau in einem weißen Kittel trat ein. Schlagartig wurde Emily klar, wo sie sich befand. Sie war im Krankenhaus!

»Hat sie Schmerzen?«

Obwohl die Frage definitiv an Frau Mayers gerichtet war, erwiderte deren Tochter hastig: »Nein. Alles in Ordnung.«

Innerlich brodelte sie vor Ungeduld und Unruhe.

»Haben Sie … es ihr schon erzählt?« Emily entging der mitleidvolle Blick der Krankenschwester nicht.

»Was?«, brüllte sie. »Was ist passiert?«


»Anscheinend hat sie sich erholt. Wir können sie entlassen.« Dr. Hoffman sprach durch seinen dichten Schnauzer, ohne aufzuschauen.

Frau Mayers murmelte einen leisen Dank, dann nahm sie Emily an der Hand und führte sie heraus aus der Klinik. Die Sonne strahlte am wolkenlosen Himmel, und die Vögel kündigten zwitschernd den Frühlingsbeginn an, doch das hob Emilys Stimmung nicht im Geringsten. Für sie war es der trübseligste Tag, den sie je erlebt hatte.

Erholt, hatte der Arzt gesagt. Dabei war sie sich sicher, sie würde mit den Folgen des gestrigen Tages noch ein Leben lang kämpfen müssen.

Sie hatte es hautnah miterlebt, und doch wusste sie weniger davon als die Polizei. Sie wusste noch, dass Joe, ihr Vater, sie zu ihrer Tanzstunde fahren wollte, es gelang ihr, sich bruchstückhaft daran zu entsinnen. Doch dann war da dieses klaffende Loch in ihrem Gedächtnis, das es ihr unmöglich machte, sich an das, was sich auf dem Rückweg ereignet hatte, zu erinnern.

Den Angaben der Polizei zufolge hatte jemand ein Feuer in dem Auto ihres Vaters gelegt, mitten auf einer einsamen Landstraße. Die giftigen Dämpfe hatten Emily und Joe das Bewusstsein geraubt, es war einem Passanten zu verdanken, dass das Mädchen gerettet wurde.

Sie schluckte. Wie betäubt stieg sie in den roten Oldtimer, in dem der Freund ihrer Mutter bereits auf sie wartete, um sie nach Hause zu fahren. Er begrüßte sie vorsichtig, doch Emily antwortete nicht. Sie nahm ihre Umwelt kaum wahr.

Joe hatte nicht so viel Glück gehabt – er war wegen des tödlichen Rauchs qualvoll erstickt.

Sie war nicht mal fähig, zu weinen, als sie an den Tod ihres Vaters dachte. Eine quälende Frage ließ sie nicht los: Wer? Wer war so gemein, ihr ihren Vater wegzunehmen?

Ein Unglück hatte die Polizei von vornherein ausgeschlossen.

Emily machte sich fürchterliche Vorwürfe, weil sie Joe hätte retten können. Wenn sie sich wenigstens an den Vorfall erinnern könnte …

Was konnte sie nun tun, außer darauf hoffen, dass die Polizei bald Näheres herausfindet?

Ein lautes Schluchzen stieg aus ihrer Kehle.


In den folgenden Wochen aß Emily nur das Nötigste. Ihre Trauer und ihre Selbstvorwürfe raubten ihr den Schlaf. Sie wurde von Tag zu Tag magerer, die Augenringe zeichneten sich immer mehr in ihrem Gesicht ab.

»Schatz«, Frau Mayers seufzte. »Ich kann deinen Kummer verstehen, auch mir hat Joes Tod zugesetzt. Aber … Ich kann doch nicht einfach mit ansehen, wie du Trübsal bläst. Du solltest versuchen, dich abzulenken.«

Emily ballte die Hand zur Faust. Sie gehörte nicht zu der Sorte Mädchen, die sofort an Selbstmord dachten, aber sie hatte nicht vor, weiterzuleben wie bisher und ihren Vater zu vergessen.

»Am Montag gehst du wieder zur Schule. Sie wird dich hoffentlich auf andere Gedanken bringen«, meinte Frau Mayers. Ihre Mühe, zuversichtlich zu klingen, war vergeblich.

Ihre Tochter biss sich auf die Unterlippe. »Ich will nicht zur Schule«, wehrte sie schwach ab.

»Emmy, du hast bereits genug Unterrichtsstunden verpasst. Trotz der Umstände besteht auch für dich Schulpflicht!«

»Wenn du meinst«, erwiderte Emily tonlos. Sie sah ein, dass es keinen Sinn machte, weiter zu argumentieren. Stumm schob sie ihren Teller von sich weg. Sie hatte ihr Frühstück nicht angerührt.

Ihre Mutter strafte sie mit einem vorwurfsvollen Blick, entgegnete aber nichts.

»Du hast Recht, Mom«, Emily stand auf. »Ich geh’ raus und amüsiere mich ein wenig, im Park oder so. Bis bald.«

Aus den Augenwinkeln bemerkte sie den misstrauischen Blick ihrer Mutter. So schnell wie möglich verließ sie das Haus, ehe Frau Mayers möglicherweise auf die Idee kam, sie zu begleiten. Als sie hinaustrat und einen sanften Luftzug spürte, überkam sie ein merkwürdiges Gefühl von Freiheit. Plötzlich war sie dankbar dafür, noch zu leben.

Selbstverständlich wollte sie nicht in den Park. Einer plötzlichen Eingebung folgend, schlug sie den Weg zu ihrer Bushaltestelle ein.

Knapp zehn Minuten danach saß sie in dem Bus, der sie in die Hauptstadt fahren würde, wo sich die Tanzhalle befand, in der Emily seit elf Jahren regelmäßig Ballett übte. Vielleicht, so hoffte sie, würden dort die Erinnerungen an die letzte Tanzstunde zurückkehren und, falls sie Glück hatte, würde ihr auch einfallen, was sich genau auf dem Rückweg ereignet hatte.

Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen, als der Bus hielt. Bevor sie ausstieg, atmete sie tief ein, als würde sie ein letztes Mal nach Luft schnappen, ehe sie im Wasser untertauchte.

Es war alles wie immer. So friedlich, als hätte dieses fürchterliche Ereignis nie stattgefunden. Emily fand es unfair, dass andere weiterleben konnten wie bisher, während sie den schlimmsten Verlust erlitten hatte, den sie sich vorstellen konnte.

Nach wenigen Metern tauchte die Halle hinter einer Biegung auf. Da heute kein Training war und sie durch den Haupteingang nicht herein kam, musste sie eine der Hintertüren nehmen.

Das Gefühl der Vertrautheit, der Geborgenheit, das sie sonst immer befiel, wenn sie sich hier befand, blieb aus.

Nie zuvor hatte Emily die Leere der riesigen Halle als derart bedrohlich empfunden.

Sie hatte nicht erwartet, mit einem Schwall an Erinnerungen überhäuft zu werden, sobald sie eintrat. Dennoch war sie enttäuscht, als gar nichts geschah.

Sie entsann sich an wenige, kurze Augenblicke der Tanzstunde, als lägen sie Jahre zurück.

Einige Minuten lang stand sie einfach nur da und betrachtete die Halle. Dann machte sie zögernd einen Schritt auf den großen Spiegel an der Wand zu.

Während des Trainings hatte ihr Vater sich meist in dem großen Einkaufszentrum der Stadt die Zeit vertrieben, so auch letztes Mal. Als er sie abholte, schien er unbeschwert und fröhlich wie immer. Oder? Hatte sie nicht eine Spur von Kümmernis im Klang seiner Stimme erkennen können?

Wahrscheinlich hatte sie es sich nur eingebildet. Seufzend verließ sie den Saal wieder. Draußen ließ sie sich vor dem Gebäude mutlos auf eine Parkbank sinken. Plötzlich fühlte sie sich klein und machtlos. Selbst, wenn sie das wahre Geschehen herausfinden konnte, könnte sie es nicht mehr rückgängig machen.

Nach einer Weile, in der Emily über ihr bisheriges Leben nachgrübelte, stand sie auf, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und schlenderte den Bürgersteig entlang, bis sie plötzlich merkte, dass sie sich auf der Straße befand, die Joe immer eingeschlagen hatte, um von hier nach Hause zu fahren.

Auf dieser Landstraße war ihr Vater gestorben.

Sollte sie umkehren?

Quatsch, das wäre übertrieben. Sie würde weitergehen, die nächste Bushaltestelle war nur ein paar hundert Meter von hier entfernt. Entschieden schritt sie nach vorne, als sie plötzlich heftig zu beben begann. Ehe sie es verhindern konnte, sank sie zu Boden und prallte hart mit dem Kopf am Asphalt auf.


Die Arme um ihre Beine geschlungen, kauerte Emily sich in der Ecke der hintersten Sitze. Aus dem Seitenfenster sah sie ein silbernes Auto, dessen Marke sie nicht erkannte. Vorhin hatte es ihnen den Weg abgeschnitten, sodass Joe bremsen musste. Sie vernahm laute Stimmen, eine gehörte ihrem Vater, die andere kannte sie nicht. Es war unschwer zu verstehen, dass sie sich heftig stritten. Emily wollte nicht hinhören. Die Sekunden allein im Auto kamen ihr vor wie eine halbe Ewigkeit. Als plötzlich die Tür aufging, versteckte sie sich instinktiv hinter dem Vordersitz.

Schockiert sah sie, wie Joe auf den Beifahrersitz geschleudert wurde. Eine schemenhafte Gestalt streckte den Kopf herein, Emily erinnerte sich nur an die etwas fülligere Figur. Dann schlug dieser Jemand die Tür zu. Er hatte sie nicht entdeckt. Das Aufheulen eines Motors sagte ihr, dass der andere Wagen fort fuhr. Doch sie hatte nur Augen für ihren Vater.

»Joe!«, schrie sie panisch. »Pa…« Ihre Stimme versagte, als sie eine erdrückende Hitze bemerkte. In dem Augenblick wurden ihr zwei Dinge klar: Jemand hatte das Auto in Brand gesteckt – und Joe war ohnmächtig.

Hinter ihr spürte sie die Flammen, die nach ihr leckten. Sie bekam keine Luft mehr. Röchelnd versuchte sie, zu ihrem Vater zu kriechen. Sie hatte nur noch einen Gedanken: Sie musste ihn retten.

Doch es war zu spät. Sie nahm ihre Umgebung immer schleierhafter wahr, als legte sich ein dichter Nebel um sie. Dann wurde alles um sie herum finster.


Keuchend fuhr sie hoch. Es kam ihr vor, als wäre sie aus einem schrecklichen Albtraum erwacht, doch sie fand sich immer noch auf der Landstraße wieder. Sie zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub.

Nach einer Weile begriff sie. Das, was sie soeben vor ihrem inneren Auge gesehen hatte, hatte sie wirklich erlebt – einige Wochen zuvor.

Was war passiert? Wer hatte ihren Vater umgebracht, und wieso hat er das getan?

Wie konnte jemand für eine so unmenschliche Tat ungestraft davonkommen?

In dem Moment fasste sie einen Entschluss. Sie würde den Mörder ausfindig machen, koste es, was es wolle.

Doch wie sollte sie seine Schuld beweisen, wenn sie ihn gefunden hatte? Bis jetzt konnte sie sich nur an die wenigen Erinnerungen festklammern. Konnte sie ihnen überhaupt trauen?


Nachher konnte sie nicht einschätzen, ob sie Minuten oder Stunden am Rand der Straße gelegen und nachgedacht hatte.

»Emmy, ich dachte, du hast das Ganze verarbeitet?« Frau Mayers tauschte einen besorgten Blick mit ihrem Freund aus.

»Klar«, knurrte Emily. »Ein Tag im Park, und alles ist wieder okay.«

Es folgte ein weiterer Blickwechsel mit Andy. Dann holte Astrid Mayers Luft und erwiderte scheinbar nebensächlich: »Die Autopsie ist nun beendet. Die Todesursache war definitiv der Sauerstoffmangel, doch man hat Würgespuren an seinem Hals feststellen können.«

Emily wurde hellhörig. Deswegen war Joe also bereits ohnmächtig gewesen, als er in das Auto geschleudert wurde. Ihre Hände ballten sich zur Faust.

Es wurde eine sehr friedlose Nacht für sie. Wie im Fieber wälzte Emily sich ständig unruhig hin und her. Sobald sie die Augen schloss, tauchte das Bild von ihrem bewusstlosen Vater im Auto auf. Sein Mörder hatte in ihren Albträumen jedes Mal ein anderes Gesicht, das schnöde Grinsen und die bedrohlichen Vampirzähne blieben jedoch erhalten.

Am nächsten Morgen fiel es ihr im ersten Moment schwer, ihre tatsächlichen Erinnerungen von ihren Albträumen zu unterscheiden.

Sie wachte früh auf. Normalerweise wäre sie noch einige Stunden lang im Bett geblieben, doch nichts war mehr normal. Als sie das Fenster öffnete und ihren Kopf in die frische, kühle Luft hinausstreckte, war alle Müdigkeit auf einmal verflogen.

Wenige Minuten später schlenderte sie die Straße entlang, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Sie musste ihre wilden Gedanken ordnen.

Sie malte sich Theorien aus, rief die Erinnerungen zig Mal aus ihrem Gedächtnis, und doch war alles vergeblich. Sie kam nicht weiter – das, was sie bis jetzt wusste, reichte nicht aus, um den Fall aufzuklären.

Immer wieder schwirrte eine Frage in ihrem Kopf herum: Wer war der Fremde?

Vielleicht wäre es doch besser gewesen, ihrer Mutter von dem Erlebten zu erzählen. Sie kannte Joe besser und länger als Emily selbst. Jedoch schreckte sie davor zurück, weil sie keine handfesten Beweise hatte. Was war, wenn sie sich alles nur zusammengesponnen hatte?

Sie schreckte aus ihren Träumereien hoch, als sie hinter sich eine tiefe Stimme vernahm.

»Du kommst wie gerufen.«

Erschrocken wandte sie sich um und blickte in ein gutmütig lächelndes Gesicht. Es gehörte Markus, vor dessen Autowerkstatt sie gerade stand.

Stumm formte sie mit den Lippen ein »Hallo«.

Ihr Gegenüber sagte nichts über ihren sichtlich schlechten Zustand, jedoch entging ihr sein fürsorglicher Blick nicht. Seit Jahren war er für Emily wie ein großer Bruder gewesen, dem sie alles hatte anvertrauen können. Er wusste Bescheid über den Tod ihres Vaters; der kaputte Wagen befand sich in der Werkstatt.

»Ich fürchte, das Auto ist nicht mehr zu retten. Das Innere ist vollständig verbrannt.« Er wählte jedes seiner Worte mit Bedacht aus. »Die Reparatur würde Unmengen kosten, es wäre besser, gleich ein Neues zu kaufen.«

»Den Wagen braucht doch jetzt eh keiner mehr«, brummte Emily.

Markus senkte betroffen den Blick.

»Emily …«, setzte er an. »Ich weiß, Mitleid hilft dir nicht weiter – aber ich wollte dir sagen, dass das, was du jetzt durchmachen musst … Es tut mir wirklich leid.«

Sie machte sich nicht die Mühe, auf seine Versuche, sie zu trösten, einzugehen.

»Willst … willst du das Auto sehen?«

Sie nickte.

Markus bedeutete ihr, ihm zu folgen.

Als sie den Raum betrat und den rot lackierten Wagen sah, stockte sie.

Joe hatte ihn geliebt. Mindestens einmal in der Woche hatte er sich Zeit genommen, stundenlang durch die Gegend zu fahren. Mit dem Auto waren zahlreiche Erinnerungen verbunden.

Nun war es zerstört.

Zögernd trat Emily einen Schritt nach vorne, um ins Innere des Wagens sehen zu können.

Dann wurde ihr plötzlich übel.

»Mir … mir ist schwindelig«, stieß sie hervor. Dann sackte sie in sich zusammen. Im letzten Augenblick fing Markus sie auf.


Die Hitze brannte auf ihrer Haut und die Schweißperlen fühlten sich so echt an, als durchlebte sie das Ganze noch einmal. Jedoch war sie nicht aktiv am Geschehen beteiligt, viel mehr beobachtete sie alles in einer hinteren Ecke des Autos.

Sie sah sich selbst, die verzweifelt an Joe rüttelte. Sie hörte ihre eigenen Hilferufe.

Und die ganze Zeit hatte sie nur ein einziges Bild vor Augen.

Ein Mann um die vierzig, markante Gesichtsform. Mit seinen schwarzen, kurzen Haaren und seinem sonnengebräunten Gesicht erinnerte er stark an einen Südländer. Seine kleinen, braunen Augen funkelten hasserfüllt.

Er war es.


Sie schnappte nach Luft. Keuchend befreite sie sich aus dem Griff, der sie umschlang. Schnaufend fiel sie auf die Knie und starrte zu Boden.

Sie hatte diesen Mann schon einmal gesehen. Den Mörder ihres Vaters.

»Emily! Emmy, was ist los?«

»Schon okay … ich … musste nur an Joe denken. Alles wieder in Ordnung.«

Misstrauen lag in Markus’ Blick. »Bist du dir sicher?«

»Ja«, erwiderte sie hastig. »Ich muss gehen, tut mir leid.«

Sie kannte dieses Gesicht! Wo hatte sie diesen Mann schon gesehen?

»Soll ich dich begleiten? Du bist so blass, Emmy.«

»Ich kann alleine gehen!«, fauchte sie feindselig. Einen Augenblick darauf tat es ihr auch schon leid, dass sie ihn so angefahren hatte. »Ich … Auf Wiedersehen.«

Sie eilte mit unsicheren Schritten hinaus. Dann lief sie – rannte einfach weiter, minutenlang, bis sie außer Atem war und sich ins Gras sinken ließ.

Ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Wieso fiel ihr nicht ein, wer dieser Mann war?


Drei Tage vergingen, ohne dass Emily die Erleuchtung kam. Sie hatte jeden der Gesichtszüge des Mannes exakt in Erinnerung.

Seit zwei Tagen ging sie wieder in die Schule. Sie musste viel Unterrichtsstoff nachholen, sodass ihre gesamte Freizeit für das Lernen draufging. Nun beschloss sie, diesen Dienstagnachmittag dem Tanzen zu widmen, sie konnte sich unmöglich auf die Schule konzentrieren. Beim Tanzen würde sie ihre Emotionen auslassen können, weshalb sie es liebte.


Es hatte lange gedauert, bis sie ihre Mutter überredet hatte, sie zu fahren, doch sie hatte es geschafft.

Es tat gut, ihre langjährigen Freundinnen wieder zu sehen. Sie verloren kein einziges Wort über Joe, obwohl einige es wohl längst erfahren hatten. Die Stadt war zwar groß, doch jeder kannte jeden, und Gerüchte verbreiteten sich, ehe man sich versehen konnte. Für ihr Stillschweigen war Emily den anderen Mädchen unheimlich dankbar.

Die Tanzstunde brachte den gewünschten Erfolg: Am Ende ging es Emily richtig gut. Einmal hatte sie sich sogar dabei ertappt, eine fröhliche Melodie vor sich hinzupfeifen.

Dies änderte sich jedoch jäh. Als sie den Saal verließ, stieg ihr ein strenger Geruch in die Nase. Der Duft eines Männerparfüms.

Es war merkwürdig – sie war sich sicher, den Geruch nicht zu kennen. Und doch wusste sie schlagartig, was sie erwartete.

Es geschah in Sekundenschnelle. Sie wandte sich um – und sah ihn.

Und er sah sie.

Er verharrte regungslos. Ihr Impuls war es jedoch, loszulaufen. Irgendwohin.

Ihre Gedanken überschlugen sich. Das Rätsel war gelöst; es war der Vater der Neuen in ihrer Tanzgruppe. Und sie befand sich auf der Flucht vor ihm.

Sie rannte, ohne hinter sich zu schauen, wissend, dass er sie verfolgen würde. Er hatte gemerkt, dass sie ihn erkannt hatte, und würde alles unternehmen, um sie zum Schweigen zu bringen.

Die Angst verlieh ihr eine Ausdauer und Kraft, von der sie bisher nicht mal zu träumen gewagt hatte. Doch es reichte nicht. Er kam immer näher. Sie spürte seinen Atem hinter ihr. Sie hatte keine Chance.

»Nein!«, kreischte sie, als kräftige Hände sie nach hinten rissen und sich um ihren Mund legten. Sie überlegte nicht lange und biss kräftig zu, bis sie den salzigen Geschmack von Blut in ihrem Mund spürte.

Der kurze Moment der Überraschung ihres Gegners genügte ihr, um sich zu entwinden. Sie schrie, so laut sie konnte, und rannte panisch umher. Wieso kam keiner? Sie brauchte Hilfe!

Ihr Herz drohte zu zerspringen, als sie plötzlich den Boden unter ihren Füßen verlor. Ihr Körper verkraftete die Aufregung nicht mehr.


Es kam ihr vor wie ein Déjà-vu, als sie zum zweiten Mal in kurzer Zeit in dem weißen Raum erwachte. Als sie registrierte, wo sie sich befand, erfüllte sie grenzenlose Erleichterung.

»Mama«, stieß sie hervor. Astrid saß auf einem Stuhl neben ihrem Bett. Die rot geränderten Augen verrieten, dass sie lange geweint haben musste.

»Wer ist er?«, flüsterte Emily.

»Du weißt mehr als ich, oder?« Frau Mayers’ Blick schweifte in die Ferne. »Er heißt Ben, Ben Colette. Es begann alles damit, dass Joe erfolgreicher im Beruf und im Liebesleben war als Ben, und dieser sehr eifersüchtig wurde. Als Joe ihm auch den Ausbildungsplatz, den auch Ben ansteuerte, wegschnappte, entbrannte ein riesiger Streit, der jahrelang andauerte und von Morddrohungen bis hin zu Erpresserbriefen reichte. Als Ben dann aus der Stadt zog, herrschte Ruhe – bis zu jenem Tag …«

»Ich … Mama, es tut mir so leid. Ich wollte dir nicht keine Sorgen bereiten.« Ihr fiel nichts Besseres ein. Schweigend legte sie ihre Hand auf Astrids Schoß. Feuriger Hass loderte in ihr.

»Er hat alles gestanden«, raunte ihre Mutter. »Er war innerlich wohl außer sich, als er deinen Vater gesehen hat. Dann hat er ihn nach der Tanzstunde mit dem Auto verfolgt. Er hat ihm den Weg abgeschnitten, sodass Joe wohl oder übel aussteigen musste. Sie haben sich heftig gestritten, bis es Ben reichte und er deinen Vater würgte. Er warf ihn in euer Auto und zündete es kurzerhand an – du kannst von Glück reden, dass er dich nicht gesehen hatte. Jedoch …«

»Hat er erfahren, dass ich alles mit angesehen hatte«, ergänzte Emily. »Bestimmt hat er irgendwie Nachforschungen über mich angestellt. So wusste er, wie ich aussehe – und hat mich nach der Stunde erkannt.« Sie zitterte. Ihre Schilderung erinnerte mehr an einen Horrorfilm als an ihr eigenes Leben. Wann würde sie aus diesem Albtraum aufwachen?

»Bald«, flüsterte ihre Mutter, »bald wird alles wieder gut. Nicht wie vorher, aber es wird alles gut. Versprochen, Emmy.«