Tiana Tóth (13)

Höhere Gewalt

Meine Taktik war folgende: Nachdenklich aus dem Fenster gucken, um Augenkontakt zu vermeiden. Ansonsten würde er meine Furcht sehen und mich automatisch dran nehmen. Bisher klappte es auch immer, doch heute war es anders. Wieso rief unser Mathematiklehrer, Herr Dr. Kern, ausgerechnet meinen Namen, ich meine, die Klasse weiß, dass ich schlecht bin, ich muss es ihnen nicht beweisen.

Und nun stehe ich hier an der Tafel und soll eine Aufgabe rechnen.

»Tiana, es ist doch nicht so schwer! Du musst doch nur die Klammern auflösen: (9ax+23ps-23kl) (2ef-3ps) (3ps-8k). Tiana, guck dir mal die Aufgabe an und überlege dir den ersten Schritt!«

Oh Mann, was heißt denn hier, nur die Klammern auflösen?! Das ist doch total schwer! Ich habe keine Ahnung, wie man das machen muss. Soll ich ihm sagen, dass ich das nicht kapiere? Aber es hat doch sowieso keinen Sinn. Ich meine, dann beschimpft er mich doch nur und trägt mir eine Sechs ein, aber andererseits, dann muss er es mir noch mal erklären. Und damit gewinn ich Zeit. Und ich muss, nachdem er es erklärt hat, nicht selber die Aufgabe rechnen, weil es möglicherweise klingelt …

Ich gucke auf die Uhr: noch zehn Minuten. Ich muss diese doch noch irgendwie um die Runden kriegen!

»Ähm … Herr Dr. Kern, ich verstehe das nicht.« Oh Mann … ich hatte das jetzt gesagt, er wird mir den Kopf abreißen! Ich gucke verlegen auf den Boden.

»Was verstehst du denn da nicht?«, seine Stimme klang gereizt. Man konnte jedoch auch hören, dass er probiert, sich zusammenzureißen.

Aber was soll denn die Frage, wenn ich wüsste, was ich nicht verstehe, würde ich es doch halbwegs verstehen, aber ich kapier’ es doch überhaupt gar nicht! Das liegt bei mir in den Genen. Niemand versteht aus meiner Familie Mathe.

»Ich verstehe alles nicht, ich verstehe nicht, wie man die Klammern auflöst und ich verstehe die nibomischen Formeln nicht.«

»Aber Tiana, das hab’ ich schon hundertmal erklärt! Außerdem sind es die binomischen Formeln. Also okay, ich sage dir den ersten Schritt, und zwar musst du um die ersten beiden Klammern eine eckige Klammer setzen, dann löst du mit der einen Klammer die andere auf. Also musst du 9ax mal 2ef rechnen.«

»Hä, ich dachte, man kann ax mit ef nicht rechnen? Wie soll ich das jetzt machen?«

»Um Gottes willen, du musst doch nicht e mal f rechnen, aber bei der Multiplikation gilt das Kommutativgesetz, und dann kannst du neun mit zwei multiplizieren. Also, Tiana, wie viel ist neun mal zwei?«

Oh Mann, ich blamier mich gerade total. Ich würde am liebsten im Erdboden versinken und wegrennen … Oder was denk ich denn da? Das geht ja gar nicht! O Gott, bin ich jetzt sogar zu doof zum Denken?!

»Also was macht das?«

Woher soll ich denn das wissen? Ich weiß doch immer noch nicht, wie das Ergebnis ist! »Ähm … ich weiß es nicht.«

Die Klasse lacht. Wieso lacht die denn. Ich wette, die können es auch nicht besser.

»Tiana, weißt du wirklich nicht, was neun mal zwei ist?«

»Doch natürlich. Das ist: äh … elf … äh … 18.« Super, wenigstens eine richtige Antwort am Tag.

»Okay, und was musst du jetzt machen?«

Was ich jetzt machen muss? Ich muss denken! Und ich muss mich konzentrieren! Und ich muss das Ergebnis sagen! Aber das ist gar nicht so leicht!

Ich höre, wie die Klasse versucht, was vorzusagen. Aber ich verstehe leider nur Wortschnipsel …

In Mathe blamier ich mich jedes Mal. Ich weiß noch, als mir meine Grundschullehrerin einen Tipp geben wollte und meinte: »Mathe ist nur eine Einstellungsfrage, du musst dir einreden, dass du gut bist. Schreib’ einfach ganz oft irgendwo auf: ›Ich kann Mathe‹, und häng’ es dir am besten auch in deinem Zimmer auf.« Aber ich bin der Meinung, dass Mathe keine Einstellung ist, sondern eine Foltermethode!

Mist, ich kann mich schon wieder nicht konzentrieren. Also ich guck’ mir am besten nochmal die Aufgabe an.

Das Klingeln. Meine Erlösung. Ich atme auf. Das ist so ein gutes Gefühl. Beruhigt gehe ich zu meinem Platz zurück.

Doch plötzlich: »Moment! Ich beende hier die Stunde. Ich weiß, es hat zwar geklingelt, aber mein Unterricht ist noch nicht vorbei. Tiana, komm zurück an die Tafel! Die Stunde ist erst beendet, wenn du die Aufgabe gelöst hast.«

Oh nein! Ich will nicht zurück. Es hat doch geklingelt! Er kann mir das doch nicht antun. Ich will ihm nicht nochmal gegenüber sein. Auch die Klasse scheint nicht erfreut zu sein. Ein Stöhnen geht durch die Reihen. Ich drehe mich wieder um und schlurfe zurück an die Tafel.

Doch auf einmal ertönt erneut ein Klingeln, doch nicht die Schulglocke sondern … Feueralarm! Bei meiner Klasse entsteht eine Unruhe, bei meinem Lehrer kommt es mir so vor, als hätte er den Gesichtsausdruck eines Katers, dem die Maus entwischt ist.

»Aber Feueralarm ist Feueralarm«, denkt sich die Maus derweilen und grinst …