Nanda Laube (12)

Schicksal

Hallo, ich heiße Lisa und bin 26 Jahre. Ich habe in meinem Leben wahrscheinlich schon mehr durchgemacht als so mancher alter Mensch mit 86 Jahren. Aber ich muss wohl von vorne anfangen:

Also. Vor etwa einem halben Jahr bin ich durch die Straßen der Stadt gelaufen. Als ich über eine Kreuzung lief, kam ein Auto angefahren. Es konnte nicht mehr bremsen und erfasste mich. Ich wurde mit schwerer Kopfverletzung ins Krankenhaus eingeliefert. Als ich aus dem Koma aufwachte, wusste ich erst nicht, wo ich war. Ich hatte eine Gedächtnislücke und wusste am Anfang auch nicht, wie ich hieß, doch in meiner Jacke war mein Ausweis gewesen und daher wussten die Ärzte meinen Namen.

Ich wurde nach einiger Zeit nach Hause gebracht und dachte lange nach. Ich wusste nur noch, dass meine Eltern nach Spanien gezogen waren, als ich selbstständig geworden und ausgezogen war. Da ich noch nicht alles wieder wusste, musste jeden Tag eine Krankenschwester vorbeikommen. Meine Eltern kamen, um mich zu besuchen, weil sie von meinem Unfall gehört hatten. Weil ich noch eine kleine Schwester hatte und diese nicht mitgekommen war, mussten meine Eltern bald wieder zurückfahren.

Eines Morgens wachte ich auf und sah nichts mehr. Als ich im Zimmer des Arztes saß, dachte ich nach. Meine Augen taten nicht weh. Vielleicht war ich blind. Bei dem Gedanken musste ich weinen. Der Arzt fragte, warum ich denn weinen würde. Ich antwortete, dass ich dachte, ich sei vielleicht blind. Der Arzt sagte mir, dass sich mein Gedanke bewahrheitet hat. Ich erschrak und wollte sofort nach Hause. Ich traute mich nicht auf die Straße, weil ich dann so hilflos ausgesehen hätte.

Und dann passierte es. Weil ich nichts mehr sah, wusste ich auch nicht, was vor mir lag. Ich wollte aufs Klo gehen, sah nicht, wo ich hinlief, und stolperte. Meine Helferin fand mich kurz darauf im Flur. Ich hatte Angst. Große Angst. Ich konnte meine Beine nicht mehr bewegen. Meine Helferin holte den Krankenwagen. Ich dachte nach. Wenn schon der Krankenwagen kam, musste ich wirklich sehr krank sein. Vielleicht waren meine Beine gebrochen oder gar gelähmt. Noch größer wurde meine Angst, als ich zwei Tage später in meinem Zimmer des Krankenhauses saß. Ich wartete. Ich hörte, dass der Arzt kam und meinen Rollstuhl in einen Raum schob. Ihre Beine sind leider gelähmt, da sie so aufgekommen sind, dass ein Nerv beschädigt wurde, sagte er zu mir. Ich bekam einen Schreck. Ich konnte nicht mehr sehen und jetzt auch nicht mehr laufen.

Meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich hatte so viele Träume. Ich wollte studieren und anderen Menschen helfen. Nun benötigte ich Hilfe. Ich wollte heiraten und Kinder haben. Traum geplatzt. Ich wollte meinen Traumberuf ergreifen. Wer will schon einen blinden und gelähmten Arzt? Wieso muss alles Schicksal mich treffen? Meine Gebete zu Gott wurden nicht erhört. Warum? Ich wünschte, ich wäre nie geboren. Meine Arme wurden mir schwer und ich wollte nur noch tot sein. Aber so was denkt man ja nicht. Das wurde uns schon als Kind eingetrichtert.

Ich dachte an meine Kindheit zurück. An meine Schulzeit, an meine Freunde. Ich sah mich in meinen Gedanken zu Anna, meiner besten Freundin, laufen. Aber das konnte ich ja nicht mehr. Ich hatte meine Freunde abgewiesen, nachdem ich den Unfall hatte. Und hatte sie seitdem nicht mehr gesehen. Leider.

Ich würde sterben und niemand würde sich noch an mich erinnern, da ich nur ein kleines unbedeutendes Licht am Sternenhimmel bin. Alle werden mich vergessen. Auch meine Eltern. Ich werde sterben und irgendwann würde ich vergessen werden und niemand würde mein Grab besuchen. Ich würde für niemanden mehr in Erinnerung bleiben.

Damit man mich nicht ganz vergisst, lasse ich Anna meine Geschichte aufschreiben. Meine Eltern werden dieses Schicksal irgendwann auf Papier lesen und sie werden alles wissen, was ich über sie in meinen Tagen im Krankenhaus gedacht habe. Bitte, Anna, gebe ihnen meinen Schicksalsbericht.

Ich fühle, es geht zu Ende mit mir. Es ist aus. Nun bin ich tot.