Jakob Mähler (9)

Am falschen Ort

Kurz nach Mitternacht fuhr Thomas mit der letzten U-Bahn der nächsten dreieinhalb Stunden. Nur noch ein paar Personen waren im einzigen Abteil. Drei Teenager standen ganz hinten. Neben ihnen lagen mehrere leere Bierflaschen. Sie waren gerade dabei, eine junge Frau anzumachen, die bei der nächsten Station das Weite suchte. Ein älterer Herr setzt sich ungeschickt neben ihn.

»Hallo, sagte er mit kaum hörbarer Stimme, ich heiße Martin. Martin Ohrt. Und du?«

Thomas schwieg.

»Redest wohl nicht gerne, was?«

Thomas schwieg weiter.

»Bengel. Sach’ was!« Alle im Abteil blickten zu ihm rüber.

»Halt die Klappe!«, erwiderte Thomas.

Kurze Zeit herrschte Schweigen. Dann sprang er auf und schrie: »Du wagst es, mit dem großen Martin Ohrt zu sprechen?«

Da gingen die Türen der U-Bahn auf und er verschwand. Bei der Station Marienplatz stieg eine Gruppe laut grölender Bayern-Fans ein. Sie trugen alle Schals, Kappen, Jacken, Schuhe und einer trug sogar eine Bayern-Brille. Thomas bekam einen Schreck. Er hatte eine Dortmund-Jacke an. Die Gruppe Bayern-Fans sah ihn an, schubsten ihn von seinem Platz und fingen an, ihn zu beschimpfen. »Du Dortmund-Fan musst für diese Tat büßen.« »Stimmt ja«, dachte Thomas, »Dortmund hat ja 4:0 gegen Bayern gewonnen.« Er saß auf dem Boden der U-Bahn und konnte alle unangenehmen Sachen an sich abprallen lassen. Ihm war es egal, was die da sagten. So saß er die nächsten zehn Haltestellen, bis das Abteil leer war. Er wurde ganz müde und schlief ein. Er wachte erst auf, als eine Stimme »Endstation!« rief.

Er schreckte hoch. »Bin ich ja richtig aufgewacht!«, sagte sich Thomas. »Die Station Fendom hatte die Stimme angekündigt«, dachte er.

Als die Türen aufgingen, stieg Thomas aus. »Das ist aber nicht Fendom.« Er wollte sich umdrehen, aber da war keine U-Bahn. Er war auf einem Hochhaus ausgestiegen. Er ging auf dem Dach entlang. Da, eine Treppe. Kurze Zeit später stand er vor einem Thron, auf dem Pinocchio, die Holzpuppe, saß.

»Schnitt!«, rief eine Stimme.

Dann kam ein Mann auf ihn zu. »Was machst du hier? Du störst bei den Dreharbeiten!«

»Entschuldigung, aber wo bin ich?«, fragte Thomas.

»Du bist im Filmstudio des Filmes Pinocchio II, der König.

»Echt?«

»Ja. Und jetzt machst du dich vom Acker, und zwar ganz schnell.«

Thomas rannte aus dem Studio. »Warum bin ich in einem Filmstudio ausgestiegen? Und wie komme ich nach Hause?«, fragte er sich. Dort lief ein anderer Junge.

»Hallo, du?«, rief Thomas.

»Ja?«

»Wie kommt man hier raus?«, fragte Thomas panisch.

»Einfach immer der Nase nach.«

»Danke!«, rief Thomas.

Und tatsächlich kam er zum Ausgang. Er rannte zur nächsten Telefonzelle. Doch das Kleingeld wollte das Telefon nicht nehmen. Traurig schlenderte er durch die Gasse. Auf einmal prallte er gegen etwas Hartes. Es war das Auto seiner Mutter, das vor dem Haus stand, in dem er wohnte. Er klingelte seine Mutter aus dem Bett und schlief glücklich ein.