Aurelia Fröhle (10)

Das Phantom von Gelnhausen

Das Phantom hatte seinen Namen daher, dass es nachts Kaufhäuser ausraubte, ohne, dass es gesehen wurde.

Es war Mittwochabend, der Wächter des Kaufhauses C und C ging seine Runde. Doch plötzlich bemerkte er eine Bewegung hinter dem Vorhang!

Der Nachtwächter dachte sich nichts dabei, und ging weiter. Da das Gebäude nicht sehr groß war, war der Wächter schnell fertig. Er freute sich auf ein Bier in der Gaststätte »Zum Ochsen«.

Kommissar Klump wurde dadurch wach, dass Licht im Kaufhaus C und C brannte. Er konnte das sehen, weil er aus seinem Zimmerfenster genau darauf schauen kann.

Er sprang auf und erinnerte sich daran, dass er in der Nacht schon mal wach gewesen war. Er glaubte, es war das Telefon. Doch da erinnerte er sich: Das Telefon hatte geklingelt, er war dran gegangen, dann hatte jemand aufgeregt gerufen, er solle schnellstens zum C und C Gebäude kommen.

Das Phantom hatte erneut zugeschlagen!

Kommissar Klump war jedoch, wie jetzt auch, sofort wieder eingeschlafen.

Im Kaufhaus wartete man schon lange auf den Kommissar. Doch schließlich gab man auf. Der Wächter, Herr Schull, wurde vernommen, und verschwieg natürlich nicht die Bewegung hinter dem Vorhang. Am nächsten Morgen stand an der Tür des C und C Kaufhauses:

Wegen Diebstag bis
Sonntag geschlossen!

Die Waisenkinder, die auf der Straße lebten, freuten sich alle. Denn schon wieder hatte der nette Unbekannte ihnen anonym Geld gegeben. Dafür kauften sie dicke Pullover und Strümpfe, außerdem etwas zum Essen.

Das Phantom war unzufrieden. Es war höchst beunruhigt. Denn es hatte das Goldkettchen, das es von seiner Mutter bekommen hatte, verloren! Und zwar bei der nächtlichen Aktion. Das Phantom wollte unbedingt versuchen, es zurück zu bekommen.

Am Donnerstagnachmittag hatte man alle Kaufhäuser mit Polizisten abgesichert. Doch das Phantom schreckte vor nichts zurück. Es lief im Schatten des Hauses, bis es ein offenes Fenster entdeckte. Dort blieb es stehen und schwang ein Seil durch das hohe Fenster. Das Phantom hatte Glück: Das Seil blieb hängen und es konnte sich daran hochziehen. Nun machte es sich auf die Suche nach dem verlorenen Goldkettchen.

Einer der Wachposten, der vor dem C und C Gebäude stand, musste dringend mal auf die Toilette. Da es keine andere gab als die im Kaufhaus, musste er wohl oder übel hinein. Er sagte seinen Kollegen über Funk Bescheid und ging los.

Zu dieser Zeit war das Phantom gerade fündig geworden. Das Kettchen hatte hinter dem Vorhang gelegen. Das Phantom wollte das Kettchen schon aufheben, als es ein Geräusch hörte. Es versteckte sich hinter den Schaufensterpuppen und hielt die Luft an. Der Polizist hatte anscheinend nichts bemerkt, denn er ging einfach an den Schaufensterpuppen vorbei. Als sich das Phantom sicher fühlte, holte es das Kettchen hinter dem Vorhang hervor und verschwand dann wieder durch das Fenster.

Es verschwand zum richtigen Moment, denn der Polizist kam von der Toilette zurück. Er bemerkte das offene Fenster, und als er es schließen wollte, war er gar nicht erfreut: Ein Seil hing nach unten! Er berichtete dies sofort Kommissar Klump, der sich aufregte, dass die Wachposten das Phantom nicht bemerkt hatten.

Das Phantom war zufrieden, alles war nach Plan verlaufen. Es ging zurück zu seiner kleinen Holzhütte, doch was es da erwartete, ließ es zusammenzucken: Drei Polizisten und ein Suchhund hatten die Wohnung des Phantoms auf den Kopf gestellt. Der kleine Tisch war umgestoßen, die vier Stühle waren auseinander genommen worden und gerade wurde der Schrank durchsucht! Das Phantom machte sich schnellstens aus dem Staub. Es wollte zum Bahnhof. Dort konnte es eine Fahrkarte nach Düsseldorf lösen. Es setzte sich in die 1. Klasse des ICEs. Dort blieb das Phantom, bis es Hunger hatte.

Kommissar Klump und der andere Polizist waren dem Phantom auf der Spur, und sie führte zum Bahnhof. Das traf sich gut, denn selbst in den meisten Zügen waren Polizisten.

Davon wusste das Phantom natürlich nichts. Es ging ahnungslos in den Speisesaal. Dort jedoch wurden Fingerabdrücke genommen und das Phantom musste wohl oder übel auch Fingerabdrücke geben.

Als die Polizisten die Abdrücke verglichen, stutzten sie: Sie waren identisch mit denen auf dem Seil!

Das Phantom wurde festgenommen und zwei Tage später stand in der Zeitung:

Donnerstagnacht wurde das berüchtigte Phantom gefasst!

Es war das zwölfjährige verwaiste Mädchen Sandra. Alles, was sie gestohlen hatte, verkaufte sie. Das eingenommene Geld schenkte sie Waisenkindern, die ihr Geld mit Betteln verdienen müssen. Das ehemalige Phantom erzählte: »Früher war auch ich eine kleine Bettlerin, doch man verdient nicht viel. Also wurde ich Taschendieb. Doch damit konnte ich den anderen Kindern nicht helfen. Da kam ich auf die Idee, Kaufhäuser auszurauben.«

Am Tag nach der Festnahme von Sandra wurden die Waisenkinder ins Waisenhaus gebracht. Dort fanden sich auch gleich Adoptiveltern.