Caroline Klier (12)

Die Sternstunde

»Guck mal, Yolanda! Das neue Bravo-Heft ist da. Schau, was da drinnen steht!«

»Ach, Petra. Nicht schon wieder so ein Test wie ‚Mein Traumboy‘, oder?« rief Yolanda Petra zu.

»Nee, weißt du das denn nicht? Oh Mann! Das ist eine Gebrauchsanweisung für die Sternstunde.«

Yolanda fand Petra in diesem Moment etwas besserwisserisch, aber das hätte sie nie zugegeben. Statt dessen fragte sie: »Was ist denn eine Sternstunde?«

»Eine Sternstunde ist eine ganz besondere Stunde, in der du mindestens einen Stern sehen musst.«

»Das ist alles?« Yolanda konnte nicht fassen, was daran besonders sein sollte.

»Na ja … also das Wichtigste ist … also, du musst nebenbei noch was tun.«

»Was muss ich tun?« Yolanda wurde neugierig und hörte aufmerksam zu.

»Du musst die erste echte Liebe deines Lebens küssen. Davor musst du einen Grashalm zerreißen. Wenn das passiert ist, dann hält eure Romanze ewig! Jetzt ist es draußen.«

Yolanda wurde fast schlecht. Ihre erste Liebe war noch immer Max. Aber Max küssen? Der stand doch noch immer auf die doofe Verena.

»Nee, spinnst du? Du weißt doch, in wen ich verknallt bin«, murmelte sie etwas verlegen. Es war ihr etwas peinlich, dass sie in Max verliebt war, der doch in Verena verknallt war. »Und kann man das beschleunigen? Also, dass die Sternstunde schneller stattfindet?« fragte Yolanda zaghaft.

»Ich könnte euch zusammenbringen. Dann geht es viel schneller!« meinte Petra ernst. Yolanda zuckte nur mit den Schultern. Sie waren schon bei der Schule angekommen und Yolanda wollte nicht mehr über Max und die Sternstunde reden.

Petra war heute echt schrecklich. Sie nahm das mit dem Zusammenbringen wirklich ernst. Sie fing schon in der dritten Schulstunde damit an: Petra schickte Max einen Zettel, auf dem stand: »Lieber Max! Liebst du noch immer diese dumme Verena?«

Yolanda konnte nicht glauben, was er zurückschrieb: »Nein, schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr!« Es war ihr wirklich sehr peinlich, obwohl Max gar nicht wusste, dass dieser Brief für sie geschrieben wurde. Yolanda konnte eigentlich gar nicht sagen, was sie dachte. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder sich schämen sollte. Gefühle hatte sie noch nie gut deuten können.

»Musstest du schon heute mit deinen Verkupplungsversuchen beginnen? Manchmal bist du echt voll unmöglich!« Yolandas Wut brach sofort nach der Schule aus ihr heraus. Petra versuchte sich zu verteidigen: »Hey, sei froh, dass du mich hast, sonst bist du noch mit 80 Jungfrau!« Yolanda verdrehte die Augen. Sie hatte wirklich eine komische beste Freundin.

Schon nach zwei Tagen passierte das Unmögliche: Petra schickte Max in der Mathestunde einen kleinen, zerknüllten Zettel, auf dem stand: »Mensch, rück doch raus mit der Wahrheit! In wen bist du verschossen?« Und die Antwort kam sofort: »Sag ich nicht. Aber nicht die doofe Verena! Ein kleiner Tipp: Sie ist auch in mich verknallt!«

Als Yolanda nach Hause kam, war sie sehr glücklich. Die ganze Schule wusste, dass Yolanda in Max verliebt war, einschließlich Max. Oder etwa doch nicht?

Petra und Yolanda versuchten alles, um die Sternstunde schneller heranrücken zu lassen. Sie versuchten es mit Zaubersprüchen, doch es war vergebens. Yolanda bat Gott jeden Abend, er solle etwas für sie tun, und Petra studierte alle ihre Magazine, ob sie etwas finden könnte, dass helfen würde. Doch die Sternstunde kam und kam nicht näher. Ob es überhaupt jemals eine solche Stunde geben würde?

Nach ein paar Tagen passierte etwas. Yolanda bekam in der Deutschstunde ein Zettelchen zugesteckt. Darauf stand ganz groß: »Bleibe bitte nach der Schule im Klassenzimmer.« Sie drehte sich in die Richtung, aus der der kleine Zettel gekommen war, da sie sehen wollte, wer diesen Zettel geschrieben hatte. Alle, die dort saßen, taten so, als ob nie etwas geschehen wäre.

Als Yolanda Petra in der Pause von diesem Zettel erzählte, platzte die heraus: »Mensch, ich muss unbedingt mitkommen! Darf ich?«

»Nein, eher nicht. Vielleicht verschreckst du damit die Person. Aber du kannst dich ja verstecken. Es wäre mir schon lieber, wenn du dabei bist.«

»Ja, super! Ich möchte unbedingt mit.«

Die Glocke läutete am Ende der letzten Stunde. Yolandas Knie schlotterten und Petra konnte sich nicht mehr halten vor Lachen. Sie musste sich hinter einem Kasten verstecken.

Plötzlich ging die Tür auf und Max kam zaghaft herein. Yolanda klappte das Kiefer herunter, denn sie hatte nicht mehr mit Max gerechnet. Dieser war währenddessen bei Yolanda angekommen und versuchte ganz cool zu sagen: »Bist du enttäuscht? Also ich meine, fröhlich schaust du ja nicht gerade aus.«

Yolanda war noch immer geschockt. Sie glaubte, dass es Max sehr peinlich war. Er versuchte die Situation noch zu retten: »Also, du musst jetzt nichts sagen, aber wenn du es nicht willst, dann können wir es einfach wieder vergessen.« Max war dabei, sich umzudrehen und zu gehen, doch plötzlich sagte Yolanda mit brüchiger Stimme: »Ich war nur überrascht, dass du es bist. Ich habe irgendwie gehofft, dass du kommst.« Max drehte sich langsam um und Yolanda wurde knallrot.

Yolanda ging mit Max am selben Tag noch spazieren und sie erzählten einander alles. Die Sternstunde rückte immer näher und als sie sich eines Nachts auf eine Wiese setzten, begann Yolanda einen Grashalm zu zerreißen. Als sie damit fertig war, blickte sie zu dem klaren, sternenbedeckten Himmel. Und dann gaben sie sich einen Kuss. Hoffentlich würde ihre Liebe halten.