Maria Schenk (14)

Der Sonntag

Henriette liebte Sonntage. Sie selbst war an einem solchen geboren – mitten im August – und wahrscheinlich war sie deshalb ein so fröhlicher und sonniger Typ. Heute war Sonntag, und zwar einer dieser Sonntage im Juli, die so heiß sind, dass beinahe jeder in den Park oder ins Schwimmbad geht. Allerdings tut dies die Allgemeinheit alles zu seiner Zeit.

Henriette erwachte, wie immer, ein wenig zu früh für meinen Geschmack: 7:30 Uhr und noch einige Sekunden, die das Ausmaß meiner Müdigkeit nicht schmälerten, zeigte mein Funkwecker an.

»Ich gehe mich Duschen!« himmelhochjauchzte sie und verschwand aus dem Zimmer.

Was ich tat? Logisch: Weiterschlafen.

Meine abartig enthusiastische Mitbewohnerin weckte mich eine viel zu kurze halbe Stunde später mit äußerst empörtem Blick: »Aufstehen, Tabea! Du kannst doch nicht dein ganzes Leben verschlafen!«

Mein ganzes Leben? Und wenn schon! Die bisherigen 21 Jahre waren eigentlich ausreichend. Ich drehte mich um und murmelte vermutlich recht undeutlich, dass ich jeden Augenblick aufstehen würde.

Sie seufzte resigniert und ging hinunter in die Küche.

Nun war ich allerdings wach. Ich hasse das. Endlich hat man sich die Möglichkeit erkämpft zu schlafen, was von einigen wenigen, die jedoch ungenannt bleiben möchten, als gänzliche Zeitverschwendung betrachtet wird, und dann ist man nicht mehr müde. Meine Theorien über die Ursachen dieses vermaledeiten Phänomens sind zahlreich und steigern sich in ihrer Absurdheit.

Ich war mir an jenem Morgen jedoch sicher, dass Henriette ihre überschüssigen Energien zum Teil auf mich übertragen hatte. Also bestaunte ich circa fünf Minuten die Zimmerdecke und wägte ab, was ich tun sollte. Entweder den Versuch unternehmen, weiter zu schlafen, oder aufstehen. Ich entschloss mich für Letzteres, insbesondere, weil man Henriette mit einer so vernichtend guten Laune so früh nicht unbeaufsichtigt auf die Menschheit loslassen sollte.

Nach dem Frühstück hatten wir beschlossen, in den Park zu gehen. Das hieß, Fräulein Frühauf hatte das beschlossen, ich wäre für eine Extremsportart wie Fernsehen zu haben gewesen, aber das fand sie zu langweilig. Fazit: Sie hatte immer noch zu viele Kräfte und ich zu wenige.

»Wir müssen an so einem schönen Tag doch raus an die Frische Luft! Sonst versauern wir hier drin noch!« meinte sie überschwänglich.

Und was auch immer ich mir einredete, ich war immer noch sehr, sehr müde und auch eindeutig zu schläfrig, um ihr zu widersprechen.

Deshalb fand ich mich nach einem kurzen Fußmarsch im nahegelegenen Park wieder. Zu meiner Verwunderung waren tatsächlich auch mehr oder weniger intelligente Lebensformen dort. Auf einer größeren Rasenfläche machten Yoga-Begeisterte für mich unbegreifliche Verrenkungen, und einige Rentnerdamen unterhielten sich angeregt in der Nähe des Teiches, in welchem tatsächlich Enten schwammen, die ich für die cleversten Geschöpfe im Umkreis hielt, denn diese waren ganz bestimmt nicht freiwillig dort gewesen.

Henriette verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Atmete tief ein… und aus… und stolperte.

Besorgt stürtzte ich auf sie zu, als sie mit dem Gesicht auf dem Boden lag, aber ihre Reaktion auf ihre Verletzung war alles andere, als ich erwartet hatte. Sie setzte sich auf, grinste mich an und lachte herzlich. Sie hatte eine blutende Nase und eine Schramme auf der Stirn. Ich hätte es nachvollziehen können, hätte sie geweint, oder unter Schock gestanden, aber Henriette ist nun einmal unberechenbar. Über diese unzerstörbare gute Laune musste ich schmunzeln und half ihr auf.

»Alles noch dran?« fragte ich wie ein Arzt, der seinen Patienten nur ungern entlassen möchte.

»Ja, alles bestens! Nur ein paar Schrammen, kein Beinbruch!« meinte Henni und lächelte mir entgegen. Nichts und niemand kam gegen ihren Enthusiasmus an.

Wir suchten also die nächste Toilette auf, und sie wusch sich ihr Gesicht, damit sie wieder genauso sonnig strahlen konnte wie vorher. Dann setzten wir uns an den Teich. Mitten ins nasse Gras. Henni lächelte sogar das Wasser an. Ich saß neben ihr und wusste nicht genau, warum ich eigentlich dort war, wo ich saß, oder was ich hätte sagen sollen. Darum schwieg ich.

Der Park füllte sich zusehends, als wir einen Weile so gesessen hatten. Junge Eltern mit Babys und Kleinkindern, noch mehr Rentner und andere Leute, die aus nicht erkennbaren Gründen um den Schlaf gebracht worden waren, versammelten sich. Aber auch notorische Frühaufsteher wie Skater und Jogger rückten in Sichtweite. Meine Uhr verriet mir, dass es schon nach halb neun war, und mir kam nun der drückende Gedanke, dass ich jetzt noch in meinem warmen Bett liegen und schlafen könnte. Aber nach meiner Mitbewohnerin zu urteilen hatte ich mir meinen Schlaf noch nicht verdient.

Henriette musterte interessiert die restlichen Parkbesucher. »Siehste mal!« zerstörte sie die Stille meiner Gedanken. »Eine ganze Menge Leute wie wir stehen früh auf!« beendete Henriette ihren Satz, während ein Penner hinter ihr zitternd entlanglief und versuchte, eine Bierdose zu öffnen.

»Aha. Leute wie wir…« murmelte ich, als ich dem Mann hinterhersah.

»Du bist eine echte Jammerbüchse!«

Jammerbüchse? Konnte sie Gedanken lesen? »Wieso denn Jammerbüchse?« fragte ich schließlich fast empört.

»Nur so. Du hast so genervt gewirkt und alle so grimmig angeguckt«, meinte sie fast beiläufig.

Sie hatte mich gut beobachtet, aber ich spürte, dass es sie quälte, dass ich so teilnahmslos war. Hatte ich sie verletzt? Ich beschloss, meinen Schlaf vorläufig zu vergessen und einfach den Tag zu genießen, so wie Henni es mir vorlebte. »Du kommst jetzt mit!« lachte ich, nahm ihre Hand und schleifte sie in Richtung Eisstand.

Großzügig spendierte ich ihr einen extra große Portion Schokoladeneis, das sie am liebsten hatte. Sie schien verdutzt, freute sich jedoch sichtlich. Für mich selbst hatte ich Zitrone genommen und vertraute auf das Sprichwort: Sauer macht lustig.

Als wir weiterschlenderten begann Henni sofort das Eis in ihrem Gesicht und auf ihrer Bluse zu verteilen. Nur gelegentlich gelangte auch etwas davon in ihren Mund. Ich musste schmunzeln. Und Henriettes Tagesmotto lebte neu auf:

Ein schöner Sonntag – um jeden Preis!