Sabrina Koselka (13)

Die Fremde

Mit zitternden Händen öffnete ich die Tür zu dem Zimmer, in dem meine Großtante lag. Ich vermisste sie, doch sehen wollte ich sie nicht. Als ich sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie noch kerngesund gewesen. Und jetzt sollte sie plötzlich im Sterben liegen? In dieses schäbige Altenheim, in dem sie seit einem Jahr lebte, hätte ich nicht gewollt. Aber als ich von ihrem schlechten Zustand hörte, überwand ich mich doch.

Langsam schloss ich die Tür, den Kopf vom Bett meiner Großtante abgewandt. Als ich mich umdrehte und meine Familie um ein Bett stehen sah, flüchteten meine Blicke sofort zum Fenster. Der lange Gang, der mich noch von meiner Tante trennte, schien mir unendlich. Schritt für Schritt ging ich die harten Betonfliesen entlang, wobei jeder meiner Schritte widerhallte. Während ich immer näher kam, betrachtete ich nervös das Zimmer.

An den weissen Wänden hing kein einziges Bild. Meine Verwandten standen im Raum wie riesige Eisklötze. Dafür war es umso wärmer. Die Luft war stickig, und obwohl meine Hände vor Kälte zitterten, spürte ich, wie auf meiner Stirn langsam Schweissperlen aufstiegen. In dem Moment, als mich nur mehr wenige Meter von meiner Großtante trennten, rief mir meine Mutter zu, dass ich mich beeilen sollte. Je schneller ich schritt , umso hektischer begann mein Herz zu rasen. Plötzlich traten alle beiseite und meine Tante lag direkt vor mir. Einen Moment lang konnte ich mich nicht bewegen, zu sehr erschrak ich über das Aussehen dieser sonst so fröhlichen Frau.

In meinen schlimmsten Träumen hätte ich mir nicht vorstellen können, dass sie so furchtbar aussah. Die Arme war an ein Beatmungsgerät angeschlossen und ihr Herzschlag war schon so schwach, dass der Monitor neben dem Bett so gut wie gar nichts mehr anzeigte.

Langsam öffnete meine Tante ihre verklebten Augen und sah mich an. Sie war schon zu schwach, um zu sprechen, doch sie lächelte. Ich konnte sie nur anstarren, das eingefallene bleiche Gesicht und die gelblichen Augen machten mir Angst. Nein, dieses Wrack, das in diesem Bett lag, war für mich nicht meine Tante.

Stumm stand ich neben meiner Mutter in der großen Halle des Altenheims. Noch immer hatte ich das fremde Bild meiner Tante vor meinem inneren Auge. Ich glaubte, sie würde mich noch immer mit ihren verfärbten – geschwollenen Augen anstarren. Ununterbrochen versuchte ich mich abzulenken, an die Zeit zu denken, als sie noch ein Mensch gewesen war, doch es half alles nichts. Ich bereute es, sie je besucht zu haben, obwohl sie sich wirklich gefreut hatte. Aber ich hätte sie viel lieber als das Wesen in Erinnerung behalten, das immer lachte und freundlich war und nicht als die Fremde, die mit Schläuchen in der Nase ans Bett gefesselt dalag und zu schwach war, um überhaupt irgendetwas zu tun.

Aber so ist das Leben. Eben.