Lisa Heidinger (10)

Weinen muss gelernt sein!

Es war an einem wunderschönen Morgen. Peter Lustig wachte auf und, wie immer, lachte er von einem Ohr bis zum anderen. Er stand auf und wollte sich sein Frühstück machen. Als er in der Küche ankam, flog mit wildem Gekreisch eine Hexe durchs geschlossene Fenster und packte ihn. Obwohl er in Gefahr war, lachte er weiter. Peter Lustig hatte noch nie geweint und das Wort »zornig« kannte er überhaupt nicht.

Die Hexe erhob sich mit ihm in die Lüfte und kreischte: »Jetzt wirst du einmal lernen, was es heißt, zu weinen!« Sie ließ ihn fallen.

Er landete in einer Gegend, die so traurig und furchterregend war, dass jeder andere Mensch geweint hätte, aber er lächelte. Er stand anscheinend auf einem Vulkan, denn tief unter ihm floss Lava, und überall lagen verseuchte Tierkadaver und tote Menschen. Er näherte sich einem Skelett, schoss dessen Totenkopf in die Lava und meinte: »Wohl den Arzttermin versäumt?!« Dann lachte er sich halbtot und schrie: »Den Witz kannte ich noch gar nicht! Ha, ha, ha…!«

Als er sich beruhigt hatte, kam sein Haus herangeflogen. Es platschte in die Lava und versank. Peter Lustig hörte noch zum letzten Mal sein Meerschweinchen Rosa Redcliff quieken. »Vielleicht schreib ich dir ’ne Karte!« rief er ihm nach.

Auf einmal verlor er das Gleichgewicht und purzelte hinterrücks den Vulkan hinunter. Der Kragen seines Pyjamas blieb an einem Stein hängen. Die Hexe, die ihn von den Wolken aus beobachtet hatte, sah, dass es sinnlos war. Sie schnippte mit den Fingern. Auf einmal fiel und fiel und fiel Peter. Er platschte irgendwo ins Wasser.

Als er wieder auftauchte, stand eine riesengroße Menschenmenge an einem Beckenrand und starrte ihn an. Neben dem Schwimmbad stand ein Schild: »Meisdorfer Schwimmbad! Erfrischen Sie sich im Sommer!«

Die Leute um ihn herum begannen zu tuscheln: »Wo kommt der denn her?«

»Ich glaub’, der hatte einen Unfall mit einem Flugzeug.«

»Ja, ja, der heutigen Technik kann man nicht trauen.«

Das Gerücht, dass Peter Lustig mit dem Flugzeug abgestürzt sei, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Peter stieg immer noch lachend aus dem Becken und trat den Heimweg an. Er hob den Kopf und schaute in die Richtung, in der der Vulkan gestanden war, doch er war verschwunden.

Auf dem Weg traf er seinen Nachbarn. »Wusste gar nicht, dass Sie fliegen können. Aber Glück haben Sie gehabt, dass Ihnen bei dem Unfall nichts passiert ist.«

Als Peter etwas verwirrt bei seinem Grundstück ankam, sah er, dass sein Haus wieder da war. Sogar sein Meerschweinchen quiekte, als er kam. Peter Lustig begann zu glauben, dass er tatsächlich mit dem Flugzeug abgestürzt war und wegen dem Aufprall an Gedächtnisschwund litt. Er trat vor den Spiegel und sah, dass der Kragen seines Pyjamas zerrissen war. »Mein Lieblingspyjama!« rief er, schmiss sich auf den Boden und weinte.

 

Zwischen Himmel und Hölle

»Jetzt bist du geliefert, Streberin!« Sarah holte mit ihrem Gummiknüppel aus. Ein gut gezielter Schlag versetzte Tina eine Platzwunde. Tina konnte nicht schreien, denn die Angst verschnürte ihr die Kehle.

Sarah war ein verblödetes Punkermädchen, mit blau gefärbten Haaren, zerrissenen Jeans und Lederjacke. Zudem, was sie jetzt war, hatten ihr ihre Eltern verholfen. Ihr Vater war ein Säufer, und ihre Mutter ließ sich von ihr alles gefallen. Sarah hasste Tina, weil sie bei allen beliebt war und noch dazu die beste Schülerin der Klasse war. Jetzt wollte Sarah endlich mal beenden, dass Tina immer und überall die erste Geige spielte.

»Genug für Heute! Morgen setzen wir das begonnene Spielchen fort!«

Da stand Tina das Wasser bis zum Hals und sie schrie: »Du… du… aufgetackelte Ziege! Glaubst wohl, du bist was Besseres als ich!? Da hast du dich aber geschnitten!«

Sarah presste vor Wut die Hände zusammen.

Tina setzte fort: »Wenn du dich weiter so benimmst, dann bist du ein Ni…«.

Blitzartig drehte sich Sarah um und versetzte Tina einen so gewaltigen Schlag, dass es dieselbe von dem Steg, auf dem sie standen, ins Wasser katapultierte. Wutentbrannt stürzte Sarah ihr nach und tauchte sie. Tina schlug um sich. Vergebens. Nach 50 Sekunden hörte sie auf, sich zu wehren. Keine Luftblasen drangen mehr an die Wasseroberfläche.

Sarah ließ Tina los. Ein blasser Körper tauchte auf. Tina schwamm mit dem Rücken nach oben im Wasser. Sarah schrie kurz auf und flüchtete auf den Steg. Sie schmiss den Knüppel ins Wasser und rannte davon. Sie bereute, was sie in ihrer Wut getan hatte.

Inzwischen schwebte Tinas Seele Richtung Himmel. Am großen Himmelstor angekommen, wo Gott sie feierlich empfing, sagte er: »Willkommen im Himmel. Hier ist deine Seele gut aufgehoben. Bleib lammfromm, so wie immer. Aber lass dich nicht vom Teufel verführen, sonst kann selbst ich deine Seele nicht retten.«

Tina blieb noch eine Weile hier stehen, während Gott die Welt hinter dem Himmelstor betrat. Auf einmal tauchte der Teufel neben Tina auf. »Ach, dieser alte Narr! Er erzählt dir lauter Schmus! Von wegen, lammfromm! Ich wette, jetzt sitzt er in seiner Geheimkammer, schüttet sich mit Whiskey zu, raucht und sagt: ‚Ach, diese gläubigen Idioten!‘ Ich habe dir ein Geschäft vorzuschlagen: Du verkaufst mir deine Seele, und dafür schicke ich dich für zwei Stunden auf die Erde, damit du dich an Sarah rächen kannst.«

Tina überlegte nicht lang und stimmte zu. Der Teufel drückte Tina eine Peitsche in die Hand. »Los!!« Der Satan zauberte sie irgendwie auf die Erde. Genau auf den Steg, bei dem sie gestorben war. Sarah saß dort. Als sie Tina sah, erstarrte sie. Grauenhafte Schläge und Schreie durchdrangen die lautlose Nacht.

Als Tina den Auftrag erledigt hatte, wurde sie vom Teufel in die Hölle geholt. Doch Sarah kam auch dort an. »Du, Tina, wirst meine oberste Dienerin! – Oder doch Sarah?!« Der Teufel wusste nicht, wen er nehmen sollte. Beide wollten den Rang haben. Sie begannen wieder zu kämpfen. Tagelang. Da wurde es dem Satan zu blöd und er schickte sie zu Gott. Weil sie aber gesündigt hatten, wollte dieser sie nicht haben und verbannte sie zwischen Himmel und Hölle. Dort kämpfen sie auch noch heute.