Schreibzeit Leoben 2001 - Tagebuch


Eine Anfahrt aus Bulgarien

Freitag, 29. Juni 2001

04:30: Ausgeschlafen. Ich gehe zur Küche, die diesmal ungewöhnlich dunkel ist. Meine Mutter schießt an mir vorbei. Schon zum dritten Mal. Ich habe das Gefühl, dass ich meinen Kopf kaum bewegen kann. Die Mutter weckt meinen Onkel, der mit mir nach Sofia fahren wird.
05:15: Schon am Bahnhof. Eine kleine Gruppe von Menschen wartet auf den Bus. Es ist ein bisschen kalt, der Sonnenaufgang aber ist besonders schön. Die anderen drei sind schon in Sofia und warten auf mich. Ich bringe meinen schweren Koffer rein und begrüße niemanden.
05:30: Der Bus fährt ab. Wir fahren an schönen Bergen und Wiesen vorbei, die hinter uns zurück bleiben. Hunderte kleine (und nicht ganz so kleine) Insekten zerplatzen am Fenster des Fahrers. Es wäre noch schöner gewesen, wenn der Mann vor mir keine Zwiebeln missbraucht hätte.
07:30: Der Bus fährt.
08:30: Der Bus fährt immer noch.
09:30: …und immer noch, und immer noch.
12:30: Ich bin in Sofia angekommen.
13:10: Ich esse chinesische Hühner und merke mir, das nächste Mal eine Gabel mitzubringen.
14:30: Nun sind wir schon alle vier und warten auf den zweiten Bus.
15:00: Der Bus ist gekommen.
15:30: Der Bus fährt ab. Es riecht nicht nach Zwiebeln.
16:10: Erstickender Geruch kommt zu meiner Nase. Ich denke, ich sterbe und frage mich nach der Ursache. Die Sevdalina benutzt ihr neues Deo.
16:15: Meine Gedanken: Wenn die Zwiebel mich nicht umgebracht hat, wird es ja sicher die Sevdalina sein (Korrektur: ihr neues Deo)
Der Zhivko und der Rossen kämpfen gegen den Geruch. Besonders beschädigt ist der Zhivko, der neben Sevdalina sitzt.
17:30: An der jugoslawischen Grenze. Uns gefällt das Gebirge, dem Rossen und der Sevdalina gefallen die Zigarettengeschäfte besser.
18:10: Wir fahren ab und sind glücklich, das wir die Grenze überquert haben. Ich hole das Essen raus.
19:00: Mein Mülleimer ist schon voll. Ich sehe zu den anderen Mülleimern. Noch einer ist voll, der des Nachbarn auf unserer linken Seite. Er isst immer noch.
Wir besprechen unsere Teilnahme an der Literaturwerkstatt und stellen uns vor, wie der Martin Ohrt und der Johannes Brodowski aussehen könnten.
Am Fernseher sehen wir einen Film, der total cool ist: der GLADIATOR.
Die Sevdalina kann wegen der brutalen Szenen nicht schlafen, wir aber sind schon müde und schlafen ein.

Samstag, 30. Juni 2001

04:10: Ich erwache. Ideale Zeit, um Blödsinn zu machen. Ich bin wirklich verwundert von mir. Es gelingt mir ausgezeichnet. Alle lachen. Sie sind meinem Humor aber nicht würdig und ich schlafe ein.
04:15: (Zhivkos Tagebuch) Der Svetlin erwacht. So einen Blödsinnsanfall. Gut, dass er nach einer halben Stunde schon müde ist und wieder einschläft.
05:00: Wir sind alle an der österreichischen Grenze. Als Zhivko aus dem Bus aussteigt, kann er sich kaum bewegen (wegen der Reise). Alle sind von seinem unerwarteten Theaterstück begeistert.
05:15: Ein netter Beamte gibt unsere Ausweise zurück. Der Nachbar von links isst wieder (oder immer noch?)
07:10: Auf dem Südbahnhof in Wien. Morgen früh gekommen. Zu früh. (3 Stunden)
07:30: Rossen ruft seinen Bekannten an, der uns vom Bahnhof abholen soll. Er kommt nicht. Die Zigaretten von Rossen und Sevdalina vermindern sich schnell und regelmäßig.
10:10: Drei Stunden auf dem Bahnhof gewartet. Wir verlieren die Geduld und kaufen Tickets für den früheren Zug nach Leoben.
12:40: Bis zum letzten Moment wissen wir nicht, ob wir überhaupt nach Leoben fahren.
13:30: Endlich auf dem Bahnhof in Leoben. Wir sind müde, aber froh.
14:30: Die Verkäuferin am Ansichtskartenstand ist sehr nett. Wir sind müde.
15:30: Wir wissen nicht, wie wir uns fühlen.
16:30: Zu uns kommt ein besonders netter Betrunkener. Die Unterhaltung mit ihm ist schlimmer als die Zwiebel.
17:32: Eine größere Gruppe von Mädchen lenkt unsere Aufmerksamkeit auf sich. Da kommt ein Mann.
17:33: Ich bemerke, dass der Mann mit Rossen oder Sevdalina oder Zhivko sprechen will. Das ist ENDLICH Martin Ohrt. Ich sehe in den Himmel, mit feuchten Augen vor Freude, schaue die Verkäuferin an, die jetzt noch netter aussieht, schaue danach zu Martin Ohrt und denke mir: "Ideal für eine Karikatur."

Svedlin Simenov
Zhivko Asenov
Sevdalina Mileva
Rossen Nikolaev

Sonntag, 1. Juli 2001

Die Leobener Eingeborenenstämme pilgerten zum Tempel (Kirche), nur wir nicht. Wir zogen durch die Wüste nach Ägypten (Kunsthalle). Schweißgebadet versuchten wir, in der Pyramide den Platz des Tut-ench-Amun der Literatur zu entdecken (Raumsuche). Nach erfolgreicher Suche entschlüsselten wir die Hieroglyphen uns fremder Götter (Kritikrunde an fremden Texten). Danach zogen wir in die Oase zu unseren Zelten zurück (HTL-Internat), um uns dort von köstlichstem Wasser und Früchten inspirieren zu lassen (Mittagessen). Als die Sonne in den Süden zog, folgten wir ihr zur Cheopspyramide (Schwammerlturm). Da uns die Sphinx den Eintritt verwehrten (Höhenangst) zogen wir weiter in das Tal der Könige (Café Bellini). Die Schönheit der Cleopatra (Ambiente) inspirierte uns zu eigenen Hieroglyphen (Prosa, Lyrik). Das Wasser der Oase rief uns zurück und wir folgten.
Nach kulinarischen Genüssen - und um der Anbetung der Spielgötter zu entgehen - flohen einige der Israeliten ins gelobte Land (abendliche Stadt). Als die Zeit auf der Sonnenuhr schon nicht mehr abzulesen war, lagen auch sie in ihren Zelten und bereiteten sich auf die lange Reise durch die Wüsten der Literatur vor.

Nane Murer,
Conny Travnicek
Maria Seidl
Kathi Fritz

Montag, 2. Juli 2001

Der Tag beginnt schon mit einer eventuellen Inspiration: Beim Hinuntergehen zum Frühstück entdecken wir einen mehr oder weniger blauen Turnschuh auf dem flachen Dach gegenüber, wie immer er auch dorthin gekommen sein mag. Nach dem Frühstück wird es dann ernst, unsere eigenen Texte sind zur Kritik dran. Und irgendetwas gibt es daran immer auseinanderzunehmen. Aber Gott sei Dank ist unsere Gruppe zweigeteilt worden, denn doppelt so viel Kritik hätten wir vielleicht nicht ertragen. Die Nahrungsmittel, mit denen wir uns danach beim "Shoppen" versorgten, sind schon teilweise unserem Frust zum Opfer gefallen *g*.
Nach dem Mittagessen ging's dann auf zum fröhlichen Tippen ins Internet-Café, aber auch die Red Bull-Attacke auf dem Weg hat uns keine literarischen Flügel verliehen. Ergebnis: Ein energieloser Nachmittag im Kaffeehaus, ohne vollständigen Text und ohne Kellner, der gewillt ist, Wasser zum Kaffee zu servieren.
Eins blieb uns Johannes noch schuldig: Seinen Beitrag zur Vorstellungsrunde vom Samstag. Dafür gestaltete er mit seinen Kurzfilmen einen Teil des Abendprogramms. Als zweiter Teil des Abendprogramms konnten endlich wir uns einmal als Juroren unter Beweis stellen. Fazit: Kritisch sein ist manchmal leichter als gedacht! (Bei Fischen, Vögeln, Drachen und Perlen zumindest).
Es ist schon Dienstag, als wir ins Bett gehen.

Susanne Müller & Kathi Fussi

Dienstag, 3.Juli 2001

Weil wir am Vorabend noch den Auftrag bekommen haben, die schönsten Texte aus der Netzwerkstatt auszuwählen, stehen wir ausgesprochen schwer auf, kurz: wir sind kaum aus dem Bett zu bekommen. Dem soll beim Frühstück mit einem Kaffee Abhilfe geschaffen werden (wo es leider keine Kipferl gibt). Nach einer Trödelei gehen wir vor das wunderschöne Internat (es ist noch immer ziemlich kalt) wo wir elendslange auf Martin und Johannes warten und ich noch einmal (mit Herzklopfen) die Texte durchgehe, die ich vorlesen werde. Nach einer Großversammlung in der Kunsthalle Leoben, bei der der weitere Tagesablauf besprochen wird, folgt die Kritikrunde. Wir besprechen sehr viele Texte, weswegen ich danach ein bißchen erschöpft bin.
Um 13.00 Uhr ist Mittagessen, und Rossen ißt rohe Fritatten mit Salz!!! Svetlin zeichnet Rossen, Martin und Johannes als Fische. Danach wählen wir die ultimativ besten Texte der Netzwerkstatt aus. Dabei wird die Geschichte von Moribald Mondragun gewaltig unterschätzt (ich schmolle). Sieger werden die Perle und das Bier.
Am Nachmittag steht Schreibzeit auf dem Programm, ich bestelle Kakao mit Schlag in einem Café, und warte (vergeblich) darauf, dass mir etwas einfällt. Erst der Kakao inspiriert mich ein wenig. Vor dem Abendessen tippe ich das Wenige, das ich geschrieben habe, in den Computer. Zum Essen gibt es eine Käseplatte mit verschimmeltem Käse (oh, wie ich das liebe).
Als Abschluß des Tages gehen wir ins örtliche Jugendzentrum, wo weiter getippt, Tischtennis, Tischfußball und Billiard (juche) gespielt wird. Um 21.15 Uhr werden wir aber kaltblütig hinausgeworfen. Inzwischen bin ich so heiser geworden, dass ich Angst habe, bei der Lesung am nächsten (!) Tag keine Stimme zu haben.

Elisabeth Klar



Was ist los? Was war los? Lese-Ecke Netzwerkstatt Wettbewerb Tratsch-Ecke Schaufenster ERSTDruck

(C) 2001, Jugend-Literatur-Werkstatt Graz, literaturwerkstatt@styria.com