Schreibzeit Bad Küsen 1999 - Tagebuch


Freitag, 23. Juli

Der lange Weg ins Himmelreich

Es war 7.30 Uhr, als sich die ersten noch verschlafenen Gesichter am Grazer Hauptbahnhof einfanden. Nach einigen Moralpredigten der Eltern stiegen die genervten Kinder in den Zug, der um 7.45 Uhr losfuhr. Die Neuen wurden natürlich sofort freundlich aufgenommen, und schon nach einigen Minuten wurden Freundschaften geschlossen.
In Stainach-Irdning stiegen alle dann in einen Bus um, der uns wiederum zu einem Zug brachte, mit dem wir bis zum Münchner Hauptbahnhof fuhren.
Um 13.30 kamen wir endlich in München an. Dort gingen wir eine halbe Stunde Shoppen. Irgendwann nach 14 Uhr ging's dann wieder los. Ich lernte in unserem Abteil neue "Freunde" kennen, die mich umbringen wollten und schlussendlich einen Nervenzusammenbruch erlitten (selber schuld, was mussten sie sich auch zu uns setzen!).
Nachdem wir in Naumburg wieder umgestiegen waren, kamen wir endlich in Bad Kösen an. Von dort wurden wir, von der langen Reise Gedemütigten, noch mit einem Kleinbus zur Jugendherberge "Himmelreich" gebracht. Nach dem Abendessen gab es noch Kennenlernspiele, bevor dann alle schlafen gingen.

Robert Luschan

 

Samstag, 24. Juli

8.00 Uhr, die Tür unseres Zimmers geht auf! Was haben wir jetzt schon wieder angestellt. Wir haben doch nicht etwa VERSCHLAFEN !?!
In Rekordzeit sind wir beim Frühstück, was bei uns nicht gerade gut ankam. Doch über Geschmack lässt sich streiten.
Etwas später: WER-WO-WAS-Geschichten, die sich aber allerdings eher zu MORD-Geschichten entwickeln.
Um 12.00 Uhr stand das Mittagessen an. Über Geschmack, wie schon vorher erwähnt, lässt sich wirklich streiten.
Eine "kleine" Pause von 1h 30min und schon ging's wieder weiter.
Diesmal war eine Schreibwerkstatt mit Kurt Wünsch an der Reihe: FORTSETZUNGSGESCHICHTEN. Manche witzig, manche weniger. Auch diese wurden, wie immer, in der Runde vorgelesen und besprochen.
Der nächste interessante Punkt: das Abendessen. Aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten.
Und schließlich stand auf dem Programm: "Freises Spiel", oder anders gesagt: Jeder konnte machen, was ihm gerade so einfiel. Nur zuviel Lärm war nicht willkommen. Obwohl wir uns nicht immer daran hielten.
Um ca. 22.30 Uhr sprangen wir in unsere nicht gerade stabil aussehenden Betten, in unseren etwas eigensinnig eingerichtetem Zimmer. Aber über Geschmack ...

Cordula Simon
Martina Gütl

 

Sonntag, 25. Juli

Piep-piep, piep-piep ... Der Wecker klingelte, alle waren begeistert.
Es ist 7.30 Uhr, da steht doch noch kein Mensch auf, also, Klatsch, Wecker wieder aus und weiter schlafen.

Um acht. Christina kommt ins Zimmer: "Aufstehen!"
Was für ein Alptraum! Aber es half alles nichts, wir mussten uns aufrappeln. Jetzt zog sich jeder unter seiner Bettdecke um und versuchte, nicht gesehen zu werden. Als endlich unsere Klamotten an unseren Körpern hingen, gingen wir zum Frühstück.
Heute früh gab es wieder einmal Brötchen und Cornflakes, wie üblich. Alle mussten sich stärken.
Dann war Zeug zusammenpacken und Lunchpaket abholen angesagt. Und dann ging es los zur Burg Saaleck. Christina wollte uns zwar erst zur Burg Goseck schicken, aber das war uns dann doch zu weit. Also machten wir uns auf den (Wander-)Weg. Er war ziemlich steinig und huckelig. Endlich sind wir oben angekommen! Anstatt uns auszuruhen, erkundeten wir erst mal den Turm. Später schrieben wir Hexen-, Räuber- und Rittergeschichten. Gegen Mittag lasen wir unsere Werke vor. Und dann ging's ab zur Rudelsburg. Dort haben wir was getrunken oder Eis gegessen.
Danach suchten wir verzweifelt den richtigen Weg zum Bootssteg. Der Abstieg war ziemlich gefährlich, denn es lag so viel Geröll herum. Aber zum Glück sind wir heil unten angekommen. Weil unsere Füße so weh taten und wir es nicht mehr bis zur Jugendherberge geschafft hätten, fuhren wir noch ein Stück mit dem Dampfer.
Nach diesem schönen, aber auch anstrengenden Ausflug mussten wir uns erst mal stärken. Zum Glück gab es zu dieser Zeit Abendbrot, sonst wären wir vielleicht noch verhungert. Die Abendwanderung zum Himmelreich war ein Reinfall, denn die Gaststätte schloß schon um 18 Uhr.
Schließlich gingen wir auf unsere Zimmer. Manche flipperten noch, spielten Tischfußball oder Billard. Einige machten sich auch schon fertig, nein, wir schlugen uns nicht, wir wuschen uns und so. Und was danach passierte, ist top secret!

Laura Jantz
Beatrice Garske
Kathleen Schmidt

 

Montag, 26. Juli

Piep, piep, piep!
Der Wecker klingelt bei uns meistens um 8 Uhr. Alle stehen noch etwas verschlafen auf. Wir ziehen uns an, waschen uns und gehen zum Frühstück.
Dann geht's erst richtig los!
9 Uhr mussten wir am Bahnhof sein, denn unser Zug zum Schwimmbad ging ein paar Minuten später.
Fünf Minuten Fahrt, bis wir in Bad Sulza ankamen. Dann liefen wir und liefen, und schon waren wir da.
Das Wasser war 18 Grad kalt, es war, deutlich ausgedrückt, schweinekalt. Einige waren trotzdem drinnen. Wir schrieben Geschichten mit Wasser und einem roten Tuch. Dann holten sich viele ein Eis oder Pommes oder Süßigkeiten. Zwischen ein und zwei Uhr fiel oder wurde Laura ins Wasser geschuppt, von zwei doofen Typen. Um dreiviertel drei gingen wir zum Bahnhof, stiegen in den Zug und fuhren zurück nach Bad Kösen.
Dort mussten wir noch ein Stück Weg zurücklegen. Als wir vom Bahnhof zur Herberge zurück kamen, waren wir total niedergeschlagen und wollten nicht mehr runter gehen, um mit Jürgen Jankofsky Geschichten zu schreiben, weil wir so müde waren. Er kam mit etwas Verspätung, denn er musste noch eine Umleitung fahren. Er hatte kurze schwarze Haare, die sich bis zu einem Bart hinunter zogen und am Hinterkopf wieder länger wurden. Er las uns Ausschnitte aus einem Buch vor, es war sein erstes, "Ein Montag im Oktober". Und er las uns auch aus "Novembertau" etwas vor. Wir hörten ihm zu, und dann sang er noch ein ganz ulkiges Lied. Und dazu noch selbstgedichtet. Als er endlich fertig war, durften wir Billard, Tischtennis und Tischfußball spielen. Und flippern konnte man auch noch. Am Abend gingen alle zufrieden ins Bett!

Katja Schubert
Rebecca Krusche
Christiane Scherch

 

Mittwoch, 28. 7.

Der große Tag der Rückkehr
(Wir werden immer wieder kommen!!)

Mittwoch, so ziemlich der einzige Tag, an dem wir nicht verschlafen haben. Dabei hatten wir uns vorgenommen, durchzumachen. Wie verschieden aber doch der Begriff "durchmachen" verstanden werden kann, das glaubt man gar nicht. Eher war wohl gemeint, dass man Lieder und Klassiker, die von uns gesungen wurden, durchstehen bzw. mitmachen musste. Schrecklich!! "I wüll wieda ham" gehörte zu den oft gesungenen Liedern. Naja, immerhin hielten wir das bis ca. 1 Uhr aus, dann war der "Akku" leer.
"Waaaas?? Nicht mal Lunchpakete kriegen wir mit?? Frechheit, sowas!", war mal der erste Ausruf am Frühstückstisch, als wir erfuhren, dass wir ohne Futter auskommen mussten. Die Herbergsmutter war wohl drauf und dran, zu sparen, wie? Aber ohne dieses besagte Paket war es dann wohl doch besser, da das sowieso noch nie geschmeckt hatte. Und wofür gab es den Aufenthalt in München?
Nachdem wir unsere sieben Zwetschken gesammelt unten aufgestellt hatten, blieb uns nichts weiter, als uns von den Deutschen zu verabschieden, die wir liebevoll "Piefkes" nannten, Küsschen links, Küsschen rechts, wie üblich.
Leicht sauer waren wir aber, als das Taxi vergessen hatte, uns abzuholen, und Martin extra nochmal anrufen musste. Taxi Marno, da sagt der Namen schon mehr als alles andere, "Marno".
Bahnhof Bad Kösen: Dieser lässt mehr als zu wünschen übrig; eigentlich dürfte er den Namen Bahnhof gar nicht verdienen, denn der ist seeeeehr heruntergekommen.
Zugfahren ist eigentlich total lustig, da kann man so schön herumblödeln. Einmal umsteigen in Naumburg (der Bahnhof sieht schon besser aus!!), MAD (Heft) und Getränke kaufen und wieder einsteigen, fünf Stunden nach München, mit ein paar Minuten Verspätung, da Leute auf der Fahrbahn waren. Also, wirklich, wenn schon umbringen, denn gibt's aber bessere Methoden. (Kleiner Scherz am Rande)
München: Erst mal sind Sushi, Jakob und ich zum Burger King gestürmt, haben was gekauft (eigentlich nur Sushi und Jakob, ich hab mitschmarotzt), und sofort vertilgt. Dann sind wir noch ein bisschen herumgschlendert.
Während der Fahrt mit der ÖBB ist aber einiges passiert. Fünfmal (oder so) gings erstmal zu Fuß durch den Zug. Auf und ab. So dumm waren allerdings nur zwei, ich und (Trommelwirbel) Sushi (keine Sorge, ich ess nicht dauernd, Sushi alias Robert, klar?). Draußen in den Gängen gibt es ja so aufklappbare Sitze, jedenfalls nahmen wir fast auf jedem Platz und beäugten die Leute in den Abteilen. Halb totlachen mussten wir uns!! Da saßen doch wirkliche Monster drin, eine alte Schachtel, die wir auf ca. 100 und mehr schätzten, eine Geschäftsfrau, die schrieb usw. ... (Ich will nicht zu ausführlich werden!)
Wieder auf unseren eigentlichen Plätzen angelangt, wurde uns aber mit der Zeit wieder fad, und wir überlegten, was wir noch tun könnten. Martin machte den Vorschlag, dass wir doch Leute interviewen könnten. Prima Idee! Als Thema dachten wir uns, dass es doch eine herrliche Verarsche wäre, wenn wir "Was möchten sie einmal worden?" fragen würden.
Auf ans Werk. Diesmal war Lisa mit von der Partie (wohlgemerkt, nicht Party, sondern Partie!!). "Ich bin doch schon was!", Graphitkünstlerin.", "Alt und gesund.", ."Sorry, could you speak English?", "Häääähh??" und ähnliches waren die Antworten.
Natürlich, so wie sich das für Interviewer gehört, hatten wir Block und Stift gezückt, um alles zu notieren. Wie ihr das jetzt allerdings schon von uns gewohnt sein müsstet, dürftet ihr wissen, dass wir natürlich nicht diese Antworten aufschrieben, sondern das, was wir uns dachten.
Auf diese Weise kamen total lustige Strichmännchen heraus. Nach dem Alter wurde ebenfalls gefragt: "36", "24", "50" ... Einer wollte sein Alter nicht sagen, und so gab ich ihm Block und Stift, um es aufzuschreiben "60" stand in wackligen Zahlen darauf.
Die Männchen bekamen auch nette Überschriften wie "Milosevic", "Sandmännchen" und "Gummifrosch". Leute, die misstrauisch waren (das auch zurecht!!) und fragten, wieso wir das machten, bekamen zur Antwort, dass wir von der Literaturwerkstatt Graz sind, und Leute zu dem Thema "Menschen wie du und ich, die im Zug reisen" interviewen sollten. Natürlich würde das auch später in einem Buch zusammengefasst werden.
Das wirft sicher ein gutes Licht auf die Werkstatt. Mit der Zeit wurde auch das wieder fad, und wir begannen, wieder "nur so" durch den Zug zu wandern. Ein freies Abteil fanden wir, in dem wir auch gleich verschwanden. Sushi musste seine musikalischen Fähigkeiten wieder unter Beweis stellen, und trommelte wie wild auf den Armlehnen drauflos. "Entschuldigung, ich bin von der ÖBB, soll ich Sie wegen Beschädigung öffentlichen Eigentums und wegen Lärm verklagen?" Das kam von einer Frau, Mitte 40.
"Neiin!" erschrocken blickten wir zu ihr hoch. "Tschuldigung!"
Das hatte ja vielleicht gesessen!! Verklagen. wegen ein bisschen Spaß, gemein, sowas! Das hieß Kehrtwendung und zurück zum Platz.
Lange blieb ich sitzen und las mein MAD, niiiiiieeee wieder würde ich von meinem Platz aufstehen und mich bewegen, außer es wäre Zeit auszusteigen, sonst nieee wieder!!! Doch leider hatte meine Blase was dagegen. Die wollte nämlich nicht sitzenbleiben. "Abmarsch aufs Klo!" befahl sie mir.
Dann wollte ich wieder zu dem vorherigen Abteil, Sushi im Schlepptau. Was sich die anderen dabei gedacht haben, wieso wir immer weg waren, weiß ich nicht, auf jeden Fall war das total lustig, die volle Hetz' hatten wir.
Gesungen wurde auch aus vollem Halse. "Didi gibt von links hinein, auf Professor Bolz, eine kurze Körpertäuschung, und schon kracht das Holz, wieder einmal an den Pfosten und von dort zu Paul, dieser wird gleich umgerupft, Elfmeter wegen Foul. Volltreffer, Volltreffer, wieder mal ein Tor, jeder Schuss ein Treffer, jeder Schuss geht rein, Volltreffer, Volltreffer, alle singen mit, dieser Bundesligaschlager ist ein Super-Spiel ..." (ein Lied von den Doofen).
Naja, und bald darauf war es dann eh zum Aussteigen. Mit einem Piefke wurde noch Bekanntschaft geschlossen, der machte Urlaub bei seiner Oma in Graz.
"Haaaallo, Evi!" Typisch meine Mama, muss immer gleich losrufen, obwohl sie mich noch gar nicht entdeckt hat.
Die Heimfahrt war wie immer. Nach 11 Stunden Zugfahrt konnte mir gar nicht so schlecht worden, wie nach 11 Minuten bei Papas Fahrstil. Schrecklich, sowas! Als ich daheim ankam, schmiss ich erst mal die Sachen hin, und sagte dem Bett "Hallo!" Gleichzeitig auch "Gute Nacht!" Und schon war ich eingeschlafen. Am nächstes Tag musste ich Mama alles erzählen, aber diesen Tag hab ich nicht mehr zum Tagebuch-Schreiben von Martin aufbekommen ...

Evelyn Weinfurter

 



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