Schreibzeit Hard 1999 - Tagebuch


Anreise – Freitag, 21. 5.

»Was wäre die Person, wenn sie Du wäre?«
»Verwirrt!«
Allgemeines Lachen. Bei solchen Spielen kann man nicht nur die anderen Schreibenden kennenlernen, sondern auch sich selbst, was viel Spaß machen, aber auch zu einigen Überraschungen führen kann.
Doch bevor wir uns am Abend zur geselligen Runde in der Harder Jugendherberge zusammensetzen konnten, mußten noch einige hundert Kilometer per Bahn und Bus überwunden werden.
Für mich begann der Tag sehr früh – 6.00 Uhr Aufstehen tue ich mir sonst nicht freiwillig an, aber ich dachte, daß auch die anderen TeilnehmerInnen zeitig aufbrechen würden, selbst wenn Graz (Steiermark), Schiltern (Niederösterreich) und Bludenz (Vorarlberg) zum Beispiel nicht so weit vom Bodensee entfernt sind wie Halle (Sachsen-Anhalt).
Ich weiß nicht mehr, wie ich mich schlaftrunken zum Bahnhof schleppte, den Rucksack auf dem Rücken, den Schirm in der Hand und literarische Vorboten im Kopf. In Naumburg beim ersten Umsteigen wurde ich dann endlich etwas wacher und bemerkte voll Freude, daß mein Englischseminar gerade angefangen hatte. Einmal werden sie auch ohne mich auskommen, dachte ich, schob diesen Gedanken schnell beiseite und fuhr weiter nach München. Als ich aus dem Fenster blickte, bemerkte ich, daß das Wasser noch immer unaufhörlich der Erde entgegenstrebte, und ich freute mich, im Warmen und Trockenen zu sitzen. Ich habe nur gehofft, daß es bis Hard aufgehört hätte zu regnen.
Draußen am Fenster des Eisenbahnwaggons zogen einzelne Häuser vorbei, Städte, grüne Wiesen, Burgen auf hohen Felsen, Schafe an Berghänge gedrückt, schwarzweiße Kühe und viel Wasser überall.
Dann wechselte ich vom kroatischen Kunstmäzen (EC Mimare) zum genialen Physiker (EC Albert Einstein) und machte mich auf Österreich gefaßt, doch noch immer war kein Stückchen Blau am Himmel zu entdecken. Aber ich konnte ja nicht ahnen, mit wieviel mehr Wasser ich konfrontiert werden würde. Es hatte noch nicht aufgehört zu regnen, als wir uns alle in Bregenz am Bahnhof versammelt hatten, den Bus nach Hard bestiegen, und so wurde der Weg von der Haltestelle zur Jugendherberge ziemlich lang.
Nach einem späten Abendessen bei den »Sternen« versammelten wir uns verbotenerweise, wie wir am anderen Morgen von der etwas genervten Herbergstochter erfuhren, im Vereinsraum, der diversen ortsansässigen Gemeinschaften vorbehalten war, und versuchten, uns besser kennenzulernen. Doch bis heute weiß ich noch nicht, was ich wäre, wenn ich ein Baum oder – passender – ein Gewässer wäre.

Bettina Hübner



Samstag, 22. 5.


It’s raining cats and dogs. Es war zu erwarten, dass das Wetter nicht immer auf unserer Seite sein würde, aber an diesem Tag war es absolut gegen uns. Es regnete den ganzen langen Tag und sammelte sich auf den Straßen, in den Gärten und auch in den Kellern.
Nichtsdestotrotz ließen wir uns unsere Produktivität nicht nehmen.
Unmenschlicherweise wurde das Frühstück auf 8 Uhr 30 angesetzt, so verließ ich um 8 Uhr 29 notgedrungen mein Bett, um noch etwas von dem abwechslungsreichen Frühstücksangebot à la Semmeln und zwei Marmeladesorten abzubekommen.
Ein Dornbirnerin, die in der Früh zu uns gestoßen war, hörte sich nach dem Frühstück die erste Themenvergabe an, packte ihre Sachen und ging. Der Vorwand ihrer Abreise war eine Erkältung, jedoch weiß jeder, dass nicht alle Themen jedermanns Sache sind.
Den Vormittag nützten wir, um neue Ideen aufs Papier zu bringen. Das größte Problem war jedoch nicht, neue Geschichten oder Gedichte zu erfinden, sondern den trockensten Weg zu dem Gasthaus zu finden, wo wir zu Mittag essen wollten. Und deshalb wählten wir statt dem überschwemmten, direkten, einen trockenen, aber längeren Umweg.
Der Nachmittag stand ganz im Zeichen der ersten Textbespre-chung. In verschiedenen Bereichen wurden wir neu belehrt, unter anderem erfuhren wir, daß nicht alle Gedichte von jedem verstanden werden, daß nicht jede Frau auch körperlich eine Frau ist, und daß man auch auf Erdbeerfeldern Karriere machen kann. Höchst interessant war auch eine plötzlich über uns einfallende Wolke von Musik, denn den Radio aus dem Nebenzimmer konnten wir durch die brutal dünnen Wände sehr gut hören. Und für mich war es doch sehr schwer, zu Britney Spears’ mörderisch gutem »Baby one more time« nicht aufzustehen und dazu zu tanzen.
Nach drei Stunden intensiven Zuhörens und aktiven Kritisierens war es wieder Zeit für das Abendessen, und unser Stammgasthaus »Sternen« erwartete uns mit offenen Armen und einer leckeren Gemüselasagne, für die jedoch nur mehr die wenigsten Platz in ihren Mägen fanden.
Am Abend vergnügten wir uns mit der »Erlesenen Leiche« – einem Fortsetzungsspiel, bei dem jeder einen Satz aufs Papier bringen muss, dieses umfalten muss, damit der nächste nur das letzte Wort zu lesen bekommt. Dieser muss dann zu diesem Wort einen passenden Satz anfügen, und so ergibt sich eine recht kuriose Geschichte. Mit Bill Clinton und Hard am Bodensee als festgelegten Fixpunkten entstanden die aufregendsten Geschichten, und welch Wunder es doch ist, daß Monica Lewinsky auch Mittelpunkt des Geschehens wurde ...
Nach diesem höchst »anstrengenden« Spiel sehnten wir uns nach etwas Abwechslung und wanderten einen Stock tiefer ins Gasthaus und den hauseigenen Bowlingcenter. Da jedoch keine Bahn frei war, setzten wir uns bei einem Gläschen Rotwein zusammen und sprachen über Gott und seine Philosophen.

Christian Kohlhofer



Sonntag, 23. 5.


Tag des heiligen Geistes. Wir hoffen alle, daß er uns inspirieren wird, aber vorerst hat er nur Wasser geschickt. Der Bodensee kennt keine Grenzen mehr, und so ereignet sich in Hard die größte Hochwasserkatastrophe, die das Dorf seit hundert Jahren gesehen hat. Glücklicherweise haben wir Barbara, die Kapitän spielt, und uns trockenen Fußes ins Gasthaus chauffiert. Am Rückweg jedoch ist das Wasser derart gestiegen, daß sogar ihre Kräfte versagen, und uns nichts anderes übrig bleibt, als den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. Nun heißt es Schuhe aus, Hose hoch und mitten durch die Fluten.
Von solcher Anstrengung geplagt, verläßt uns Jennifer und kehrt heim nach Bludenz (schon wieder eine Lyrikerin weniger!). Doch die Hinterbliebenen lassen sich nicht entmutigen, und obwohl vom heiligen Geist noch immer nichts zu sehen ist, machen wir uns eifrig ans Schreiben.
Immerhin lässt sich am Nachmittag die Sonne bereits soweit blicken, daß wir es wagen können, draußen nach einem trockenen Plätzchen zu suchen. Dafür wird das Gasthaus in der Herberge wegen Überflutung der Zufahrtsstraße geschlossen, was besonders für Martin ein harter Schlag ist, da wir auf unseren Kaffee verzichten müssen. Am Abend ging’s dann zum Italiener Wein trinken, und einige aßen außerdem »Miratisu« (Johannes weigerte sich konsequent, »Tiramisu« zu sagen, so daß sogar Christian das Wort übernahm und damit den Kellner irritierte.)
Wir kamen sogar trockenen Fußes nach Hause, mußten nur über eine halbüberflutete Straße springen, und waren, endlich daheim, dementsprechend müde.

Christof Capellaro
Lydia Scherenzel


Montag, 24. 5.


Da Pfingsten ist, war der heutige Montag auch frei. Sowohl für die stressgeplagten Schüler, als auch für die berufstätige Bevölkerung. Nach einem mehr oder weniger verschlafenen Frühstück bemühten sich die Teilnehmer der Werkstatt noch, den einen oder anderen Verbesserungsvorschlag für ihre Texte zu bekommen, bevor es schließlich, diesmal Gott sei Dank trockenen Fußes, zum Mittagessen ging.
Kinder tollten auf der überfluteten Straße umher, die an der Kirche vorbeiführte, und quietschten dabei vor Vergnügen. Es war richtig schön anzusehen, dass es wenigstens ein paar gab, die sich über die Wassermassen freuten. Der große Regen hatte noch nicht einmal 24 Stunden Pause gemacht, doch das kleine Strandcafé war schon bis zum Bersten voll. Und überhaupt, die ganze Gemeinde wirkte wie vom Auswanderungszwang befallen. Überall sah man Radfahrer und im Wasser halb versunkene, langsam dahinfahrende Autos, die, so wie es schien, nur durch den Ort fuhren, um sich die Überflutungen und die damit verbundenen Schäden zu betrachten.
Nach einem guten Mittagessen im »del Lago« machte sich ein Teil von uns auf den Weg zum Bodensee, um sich dort aus allen Posen photographieren zu lassen. Der Nachmittag verlief im Großen und Ganzen eher ruhig. Das gleiche Symptom war auch am Abend zu beobachten. Doch wer die Werkstattcrew kennt, der weiß, dass das nicht normal sein kann. Mit Recht – denn was wäre ein Werkstatt-Tag ohne UNO, das bis spät in die Nacht, und zum Ärger der eher müden Bevölkerung mit viel Gelächter, gespielt wurde. So spielten wir, spielten und spielten, bis uns die Augen zufielen, und wir es nur noch mit knapper Not ins Bett schafften.

Eva-Maria Kampitsch


Dienstag, 25. 5. – Abreise 26. 5.


Schon frühmorgens ist der Computer dauernd besetzt, was wohl daran liegt, dass heute Abend die Abschlusslesung stattfindet, und jeder seine Texte zur besten Lesbarkeit mit unserem Drucker ausdrucken, jeder die von Johannes und Martin durchbesprochene letzte Version vorlesen will. Noch am Vormittag waten Martin und ich Richtung Schiff, nein, Richtung Rathaus, aber in Hard ist das ja dasselbe, ein sehenswertes Gebäude. Wir wollen uns über diverse Dinge erkundigen, etwa, ob trotz des Hochwassers die Lesung wie geplant stattfindet. Im Rathaus werden wir dermaßen beruhigt, dass wir beide am Ende der Meinung sind, es sei alles in Ordnung so, das müsse fast so sein, das habe seine Regelmäßigkeit mit dem Hochwasser.
Im Rathaus ist man sowieso äußerst heiter, trotz strengen, aber sehr beliebten Bürgermeisters, der seinen Bediensteten nicht gestattet, Zeitungen mit ins Büro zu nehmen. Ob man deswegen so heiter ist?
Es passiert noch etwas Unglaubliches: Wir bekommen ohne Probleme und sofort die von der Gemeinde Hard zugesprochene Förderung (zumindest einen Teil) bar auf die Hand ausbezahlt! Das rauhe Katastropenklima, das aber normal ist, scheint auch das alles in Schwung zu versetzen, was die Öffentlichkeitsarbeit betrifft. Gerne würde ich etwas davon mit in den Osten nehmen (nicht von den Katastrophen)!
Zum Mittagessen geht es normal, durchs Wasser nämlich. Zum Glück sinkt zu dieser Zeit der Wasserstand enorm, so weit, dass ich gleich nach dem Essen wage, mein Auto von Marlenes geschützter Anhöhe zu holen.
Die für 15 Uhr geplante Leseprobe verzögert sich etwas, da Martin nur einen einzigen Laptop zu Verfügung stellen kann (Schäm dich!). Aber vielleicht werden wir eines Tages finanziell so weit gefördert, dass jeder seinen eigenen Computer auf den Werkstätten benutzen kann ... ist ja gut, man wird ja wohl noch träumen dürfen!
15 Uhr ist ein Zeitpunkt für eine weitere Sensation: Martin erhält einen Anruf vom ORF-Landesstudio Vorarlberg, obwohl er nur ein B-Free Handy hat, kein offizielles, wo die Nummer überall aufscheint, keines, wo man per Zufallsgenerator ausgewählt und angerufen wird, um Fragen zu beantworten, etwa, ob man mit den Wiener Linien zufrieden sei. Auf jeden Fall bekommt Martin einen Anruf, eine Einladung zu einem Interview für das Radio Vorarlberg, für den nächsten Tag, den 26. Mai.
Um 16 Uhr stelle ich mein Auto zu Verfügung, damit wir nicht auch zur Lesung durch das Wasser waten müssen, fahren zu dem Ort, wo die Lesung stattfindet, ein Jugendkulturzentrum in Hard namens »Kammgarn«, wo wir auch die Leseeinteilung machen, bevor wir zu unserem Gasthof fahren, um zu Abend zu essen.
Nach dem Abendessen beginnt langsam die Nervosität zu steigen, für viele ist es ja der erste öffentliche Auftritt, das erste Preisgeben von selbst Geschriebenem! Aber dank der professionellen Leseproben zusammen mit Johannes sinkt der Nervenkitzel wieder, denn jeder hat nun ein Bild davon, wie er am besten seinen Text präsentiert.
Die Lesung selbst wirkt eher familiär, wohl nicht nur dadurch, dass die Zuhörer zu einem großen Teil aus Marlenes Familie stammen.
Danach kommt es zum Umtrunk, zum Gespräch mit den Zuhörern, zur Diskussion über die vorgetragenen Texte, zur Reise nach Lustenau, Billiardspiel, Tischfussball und Dart, einfach ein toller Abend!
Auch der Heimreisetag, der 26. Mai, ist toll, zumindest hat er toll begonnen, als wir zum ORF-Landesstudio fahren, dort alle die Möglichkeit haben, abermals unsere Texte vorzutragen und ein Interview zu geben. Die Heimreise selbst verzögert sich etwas durch das Hochwasser, ist also weniger toll, aber das Wichtigste: Jeder kommt gut zu Hause an.

Barbara Hanfstingl



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