Schreibzeit Hard 2002 – Tagebuch


Freitag, 17.05.02 – Anreise

Mein Tag beginnt mit einer zweistündigen Matheschularbeit, für die ich mehr oder weniger schleißig gelernt habe. Direkt danach fahre ich nach Hause, packe meinen Kram zusammen, suche Dinge, die ich noch vergessen habe, gehe ein drittes Mal meine Liste durch, fahre ab.
Irgendetwas hab ich aber bestimmt vergessen.
In der S-Bahn komm ich dann endlich drauf: Ich fahre zum falschen Bahnhof!
Ich bekämpfe die aufkommende Panik und steige schnell um, während sich inzwischen meine rechte Schulter vom Tasche Schleppen schon etwas taub anfühlt.
13:00 bin ich angekommen, um Viertel nach geht mein Zug.
Und ich brauch' noch eine Vorteilscard.
13:05 hab ich das Formular ausgefüllt, zwei ältere Damen stehen vor mir und erzählen dem Beamten ihre Lebensgeschichte.
Ich wechsle den Schalter und komme sofort dran.
Es wird klar: Schülerfreifahrt reicht nicht als Lichtbildausweis.
"Naja, sie werden halt Probleme bekommen."
Na fein.
Um 13:10 bin ich fertig und renne zum Zug. Fast kein Platz mehr frei. Dafür Raucherabteil. Erster Schaffner, und ich hab Herzklopfen. Kein Problem. Danach sehr lange Zugfahrt.
Umsteigen muss ich in Innsbruck, mein Anschlusszug sollte eigentlich schon gefahren sein. Er wartet noch.
Wieder Platzmangel, gottseidank finde ich bald etwas, denn eine Frau mit Kinderwagen sorgt inzwischen auf dem schmalen Gang für Aufregung.
Abfahrt. Vor mir sitzt jemand, der mich anstarrt. Sowas beunruhigt. Beunruhigt, bis er endlich aussteigt.
Zweiter Schaffner auch überstanden.
Alle aus meinem Abteil steigen aus, außer mir.
Ich geh' nur kurz dem Ruf der Natur nach, als ich zurückkomme, finde ich mein Abteil nicht mehr.
Drei 14-Jährige haben sich eingenistet und den Vorhang vorgezogen.
Sie merken sofort, dass ich Wienerin bin.
Dann rufen sie Sexhotlines an, fragen mich, ob ich noch Jungfrau bin und entschuldigen sich für ihr Verhalten: Sie sind ja betrunken.
Dann steigen sie aus. Eigentlich ist es ja ganz amüsant gewesen.
Bregenz, ich bin draußen, suche und finde ein Taxi.
Der Fahrer erzählt mir gleich, wie groß der Bodensee ist, wie schnell man von Vorarlberg nach Italien, Frankreich, Belgien, Schweiz und Deutschland kommt, und erklärt mir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten.
13,80 Euro.
Ich frage mich, ob da die Stadtführung auch inbegriffen ist.
Noch einige Schwierigkeiten, beim Finden des richtigen Bungalows.
Dann Licht. Aufstoßen der angelehnten Tür.
Martin. Johannes.
Nach 9,40 Stunden angekommen.

Elisabeth

Samstag, 18.05.02

Der Tag begann für die "Irmabewohner" bereits um 12:01 Uhr. Bei Gruselgeschichten (vom schleckenden Mörder) und jeder Menge Süßigkeiten fürchteten wir uns um die Wette.
Spätestens beim Frühstück mit Volksmusik und Schlagern à la Hansi Hinterseer wurden wir wach. Nachher kritisierten wir die Texte aus der Netzwerkstatt, und gingen anschließend einkaufen. Am Heimweg kam es öfters vor, dass Julia ihren Mitbewohnerinnen mit dem riesigen Sack Croissants eines über die Rübe zog!
Danach starteten wir die ersten Schreibversuche… eine Schreibblockade jagte die nächste!
Schließlich gab es Mittagessen im "Sternen". Zur Einstimmung wurde uns Tomatensuppe serviert, nach der wir alle schon satt waren. Danach gab es allerdings noch einen Kaiserschmarrn mit Früchtekompott. Diesen brachte nun aber wirklich niemand mehr hinunter (und selbst wenn, dann nur unter großer Anstrengung und Würgen)! Die entsetzte Kellnerin versuchte schließlich, uns zu erpressen, indem sie jedem, der seine Portion aufgegessen hatte, zwei Schlecker schenkte (was viel eher eine Bestrafung als eine Belohnung war!) und dem Rest mit Teller Waschen drohte.
Am Nachmittag setzte ein Dauerregen ein, der uns allerdings nicht sehr zum Schreiben inspirierte.
Das Abendessen wurde von den drei Burschen zubereitet: Käsebrote. (Was für eine Überraschung!)
Julia und Thera sanken am Abend erschöpft in ihre Betten, während sich Tanja noch mit Alex und Thomas vergnügte…

Klara
Julia
Tanja

Sonntag, 19.05.02

Nach dem Aufstehen ein erster Blick aus dem Fenster: Mist, der Himmel ist von grauen Wolken bedeckt. Wir wagen uns durch den Nieselregen zum Gasthof Sauna, wo wir mit Kaffee, Tee, Semmeln, Marmelade und Käse bewirtet werden. Natürlich werden wir auch mit erstklassiger Volksmusik empfangen. Zum dritten Mal erfahren wir, dass sich in Hansi Hinterseers Liedern die Gefühle seiner Fans widerspiegeln und überlegen uns, ob wir uns die CD nicht kaufen sollten, wenn wir wieder zu Hause sind. Nach dem Frühstück setzen wir uns im Haus Mia zusammen und lesen in der Kritikrunde heute eigene Texte vor.

Das sonntägliche Feiertagsmittagessen fiel sehr edel aus, mit all den Kerzen, den großen, schön dekorierten Familienplatten ab acht Personen rundherum und den festlich gestimmten Spinnen, die unter Servietten und Messern zum Vorschein kamen.
Nachmittags schöner leichter Nieselregen, der sich langsam einstellte, und nach dem ich mit einem der süüüßen Schlecker, die wir von den Sternen-Kellnerinnen fürs Aufessen bekommen hatten, und schrieb (was mir irgendwie besser gelingt wenn's kalt ist und regnet)
Dann saß ich bis zu den ersten Erfrierungserscheinungen auf der Veranda vor dem Laptop, der mir "Für Elise" vordudelte, bevor er abstürzte.
Un jour très productif et froid - unglaublich, wie einen das geistig auszehren kann, aber - stöhn - der Tag ist ja noch lange nicht zu Ende…

Nach dem leicht turbulentem Abendessen (fliegende Senf-Käse-Brote, in Trinkgläsern landende Schinkenränder) wurde festgestellt, dass einige Schreibzeit Teilnehmer eine umfassende Thera-Pie benötigten, und nach einer kurzen Sitzung wurde im regenfreien Hof eine neue Art der Julschen Thera-Pie erprobt (Schuh zubinden, Gordischen Knoten lösen, Niedersetzen).
Da sie nicht anschlug, ging man dazu über, sich mit UNO Spielen und dem Erzählen von Anti-Anti-Witzen zu amüsieren. Eine Runde Gruselgeschichten lösten nur ein paar Lacher aus, und nach und nach tröpfelten alle nach draußen, um dort auf den Schaukeln ihre Kindheitstraumata, die bei der Thera-Pie leider kaum beseitigt worden waren, auszuleben und vermeintliche Glühwürmchen im Gras zu bestaunen, die sich als blinkende Handys entpuppten.
Schließlich entschloß man sich doch, es noch einmal mit Gruselgeschichten zu versuchen; und bei Alex' dramatischen Erzählungen, mit einigen Knalleffekten und Gestalten vor der Tür, fuhren die meisten nun endlich immer wieder entsetzt zusammen.

Regina
Ruth
Marlene

Dienstag, 21.05.02

Oweh, die Musi spielt nicht mehr! Unser heiss geliebter Sender "Radio Melodie", der uns beim Frühstück richtig aufzuheitern vermochte, wurde von Ö3 skrupellos aus dem Rennen geworfen. So traf man beim Frühstück nur auf missmutige Gesichter, denn jedermann schien die Werbung der Hansi Hinterseher Goldedition sehr zu vermissen. Über diesen schrecklichen Verlust zutiefst erschüttert, versammelte sich die Hälfte der Schreibstätter um halb zehn zur allmorgendlichen Kritikrunde in der Action-Hütte, während die Übrigen aus ihren kreativen Quellen schöpften und ihre Werke vollendeten.
Mittags war schliesslich auch der letzte Text besprochen, und der Sternen rief! Obwohl unser Appetit zu wünschen übrig liess, assen wir brav auf, um gleich zur Merry Ranch zurück zu sputen, und die letzten kreativen Energien zu Papier zu bringen.
Am Nachmittag, als die Lesung immer näher rückte, wählten wir unsere Texte aus, die wir im Rathaus der Öffentlichkeit präsentieren wollten, und liessen uns von den letzten Sonnenstrahlen wärmen.

Janine & Barbara.

Die Lesung war gut besucht. Fast alle Plätze waren von lese- und schreibbegeisterten, jungen Menschen besetzt. Vereinzelt drückten sich auch ortsansässige Kulturgeniesser in den hinteren Rängen des pulsierenden Saals herum.
Am meisten Krach herrschte, als der Verfasser dieser Zeilen seinen eigenen Text zum Besten gab: Die elektrischen Fensterheber und -rolläden waren, sobald sie einmal mit ihrem Tun begonnen hatten, nicht mehr zu bändigen.
Nach der Lesung: Gruppenfoto, Begutachtung der, in einer grossen Retrospektive eines Malers, dessen Name dem Verfasser unbekannt blieb, ausgestellten weiblichen Anatomie und dem Studium eines älteren Fahndungsfotos Osama Bin Ladens. Kunstbegeistert war man in Hard. So war im Rathaus ein weiteres Kunstwerk zu sehen, das nicht ohne Erwähnung bleiben darf: hübsch übereinander drapierte, ausgepackte und noch zugeschweisste Klorollen.
Doch schliesslich rissen wir uns von den künstlerischen Ergüssen los und steuerten in die Richtung des Sees: "Feiern was das Zeuch hält!", hieß die Devise. Und bei eben diesem Schlachtruf blieb es auch. Hard, konfrontiert mit einer Horde wild gewordener Literaten, musste in beiderseitiger Enttäuschung enden. So kam es auch, dass sich am See nur ein müdes, imbissbudenartiges Lokal, das über riesige Tische verfügte, befand. An diesen Tischen saßen mehrere dutzend dicker Männer und Frauen mittleren Alters. Im hinteren Teil der Würstchen- und Softeis-Bierbude befanden sich leerstehende Parkbänke. Wir: "Nichts wie hin!" Zielgerichtet einmal auf besagte Bänke zugesteuert, mochte man nur noch ungern aufstehen. Doch entweder der Heisshunger nach Eis oder der schier unstillbare Durst nach etwas kühlem blonden trieb uns doch wieder zur Bude.
"Habedieehre", nuschelte der Kellner. Er trug ein Mintgrünes T-Shirt, das sich über dem Bauch spannte und Fettflecke aufwies. Er versuchte zaghaft, mit seiner Halbglatze und den grauen Strähnchen das Auftreten Klaus Löwitschs zu imitieren, was ihm glücklicherweise nicht gelang.
"Entschuldigen Sie", fragte der Verfasser des Textes schüchtern "ähm… wenn man ein Bier bestellt, kann man das wohl auf diesen Bänken dort", vage Kopfbewegung zu den Parkbänken, "trinken?"
"Naaaa, sowas machma net, wir ha'm ohnehin schon zu wenig Biergläser."
Obschon er ja eigentlich nur ein Bierglas benötigt hätte, sah der Autor seine Chancen von dem Göttersaft in dieser mies beleuchteten Würstchenbude zu kosten, schwinden. Traurig zog er von dannen - Dichter sind sensibel.
Nach hitzigen Debatten, welche Lokalität würde herhalten müssen, gingen wir zum Italiener. Die Freundlichkeit dieses Zeitgenossen liess gewiss ebenfalls zu wünschen übrig, doch hier bekam man wenigstens sein Bier. Doch es durfte nur bei diesem einen bleiben, da die Sperrstunde nahte.
So blieb uns denn nichts anderes übrig, als nach der Rückkehr vom "Italiener" kurz vor Mitternacht die zweite Lesung des Abends folgen zu lassen.

Malte

 

Mittwoch, 22.05.02 – Rückreise

Nach der Rückkehr vom "Italiener" kurz nach Mitternacht folgte die zweite Lesung des Abends. (Sie war fast genauso gut besucht, wie die erste!) Zu Ohren kamen uns echte Klassiker wie der kriminellen Hund oder das China-Restaurant.
Nach wenigen Stunden Schlaf graute schon wieder der Morgen, und uns graute mit ihm vor dem bevorstehenden Abschied Nehmen.
Die Stimmung war gedrückt. Selbst die fröhlichen Klänge des Radio Melodie, das für uns mittlerweile zu einem ausgewogenen Frühstück gehörte wie die Marmelade auf die Semmel, vermochten uns nicht aufzuheitern. Jeder war mit dieser einen existenziellen Frage beschäftigt: Warum fahren wir überhaupt nach Hause, wenn wir nicht wollen?!
Trotzdem wurden die letzten Sachen in den Taschen verstaut und die Taschen im Bus. Die Arme schmerzten vom Koffer schleppen, und die Handgelenke schmerzten vom Winken. Denn langsam, aber unumgänglich begannen sich unsere Wege zu trennen.
Schon nach dem ersten Umsteigen verflüchtigte sich der feste Vorsatz, nach dem "Sternen-Trauma" nie wieder zu essen, und so mancher begab sich auf die Suche nach dem Speisewagen oder aß ein letztes Abschiedskeks. Auch der "Chips-Cola-Mineral-Sandwich"-Mann hat keine wirkliche Freunde mit den Abschiedsszenen am Gang:
Umarmungen, doppelt und dreifach, letzte Erinnerungen, nicht auf das Schicken von Texten und Schweizer Schokolade zu vergessen.
Nach neunstündiger Zugfahrt wieder in Graz angekommen, ersparte ich mir diesmal Vater sei Dank die Postbus-Odyssee quer durch die Steiermark (das grüne Herz Österreichs!).
Die Häufigkeit mit der der nun folgende Schlusssatz in verschiedensten Variationen verwendet wird, soll seine Aussage keinesfalls schmälern:
Es ist wohl keine Verallgemeinerung sondern eine Tatsache, dass diese Werkstattwoche für uns eine absolute Bereicherung in textlicher, sprachlicher, freundschaftlicher und vielerlei anderer Hinsicht war!!

Thera

Lesetipp: Das Werkstatt-Tagebuch zur Schreibzeit Hard 1999



Was ist los? Was war los? Lese-Ecke Netzwerkstatt Wettbewerb Tratsch-Ecke Schaufenster ERSTDruck

(C) 2001, Jugend-Literatur-Werkstatt Graz, literaturwerkstatt@styria.com