Werkstattwoche  Grenzen los schreiben – Brixen ’99 – Tagebuch



Mittwoch, 1. 9.

Manche von uns mussten schon um halb sechs aufstehen, um den Zug nach Südtirol zu erreichen, während andere noch sorglos von der kommenden Woche träumten. Vor allem die armen Südsteirer und die nicht ganz so armen Grazer hatten einen langen, langen Weg hinter sich zu bringen. In Innsbruck wurde der österreichische Teil der Werkstatt (+ Johannes) von der ortsansässigen Sarah in ein nettes Lokal begleitet, wo der größte Durst gestillt wurde.
Als der Zug an der Station "Brenner" hielt, winkten wir freundlichen Japanern zu, die im Orient-Express saßen und leider wegen der Abfahrt unseres Zuges nicht dazu kamen, uns fotografisch festzuhalten.
In Brixen angekommen, wurden wir von Helene abgeholt und zum Jugendhaus Kassianeum chauffiert. Dort stiegen wir die unzähligen Stufen bis zum letzten Stock hinauf, nur um dann zu erkennen, dass es eh einen Lift gibt. Nachdem die fast luxuriösen Zimmer (es fehlen die Nachtkästchen) bezogen, das "Gemeinschafts"-Bad inspiziert und das Staunen über die vielen Räume und Ecken in diesem Stockwerk überwunden war, freuten wir uns nur mehr auf ein warmes Abendessen.
Dort saßen dann alle Teilnehmer der Werkstatt aus Österreich und Südtirol an einem Tisch vereint, und erfreuten sich an den dampfenden Schlutzkrapfen, welche zumindest für den österreichischen Teil eine Neuheit darstellten.
An diesem Abend tauchte auch das Schlutzkrapfen-Phantom* auf ...
[Schlutzsatz und aus.]

Nina Kossegg
Andrea Kern
Romana Pattis

*) In Gemeinschaftsarbeit entstanden verstrickte Geschichten wie die folgende:

Goethe in Brixen

"Ein Glück, daß ich über den Berg bin", dachte sich Johann Wolfgang von Goethe in Brixen, "endlich werden Wein und Wetter

besser. Besser war natürlich wenig, denn Gutes gab

es nie, oder doch, das war die Frage, oder mehr eine Plage für des Meisters

verstrickte Gedanken. Verstrickte Gedanken sind meine ständigen Begleiter, wie entwirre ich sie? Gibt es einen Weg, sie los zu werden?

Mein Verhängnis! Dieser Schritt, war er mein Verhängnis? Hätte ich das nicht

tun sollen? Er ging in Brixen durch die Straßen und suchte sein

Hotel. Es wurde Nacht und er stand da

ohne Geld. "Keine Schlutzkrapfen" sagte er weise.

Und lächelte. "Ach wie gut, daß niemand weiß, daß ich leider

Goethe heiß." Und über diesen Reim war er so glücklich, dass er beschloss, ein neues Buch

zu schreiben. Diesen Roman zu vollenden, würde ein langwieriges Unterfangen

werden. "Morgen Sonnenschein, bis zu 37° C und nur ganz vereinzelt Wolken", versprach der Wettermann

im Radio. "Hör doch", rief Goethe entzückt aus. Das ist doch mein

Lieblingslied. Das einzige Lied, das ihn wirklich im Herzen rührte, wenn er genau darüber nachdachte.



Donnerstag, 2. 9.

Nach einer mehr oder weniger schlaflosen Nacht schälten wir uns gegen acht Uhr aus dem Bett und steuerten zunächst das Bad an, welches vom Speisesaal und dem Frühstück um 8 Uhr 30 abgelöst wurde. Der Vormittag stand dann ganz im Zeichen der Papierverunreinigung durch Geschichten, oder in manchen Fällen auch, Gedichten. Beim Mittagessen erlebten wir dann eine große Überraschung. Mindestens fünfzig Religionslehrer aus Grund- und Mittelschulen hatten sich im Speisesaal breitgemacht und drängten uns somit in eine kleine Nebennische ab. Doch wenn man es objektiv sah, dann hatte die ganze Sache doch etwas positives: Sollte unser Essen vergiftet sein, hatten wir gleich jemanden in unserer Nähe, der uns "absegnen" konnte.
Der Nachmittag verlief zu unserer Enttäuschung gleich ereignislos wie der Vormittag; das wirklich spannende kam erst nach dem Abendessen: Die berühmt berüchtigte Kritikrunde (mit Johannes!). Da es jedoch noch keine Texte von den Mitgereisten zu kritisieren gab, mußten einfach die Schriftstücke herhalten, welche per E-Mail von uns unbekannten Autoren gesendet wurden. Zuerst quälten wir uns mit Lorenz, Mewes und Jan durchs Jammertal, nur um dann bei den Liebesgedichten einer "einfallsreichen" Poetin dahinzuschmelzen. Eine Frage beschäftigte uns noch bis in die Nacht hinein: "Ist es Schicksal oder Zufall?"

Eva- Maria Kampitsch
Christine Jeindl

 

Freitag, 3. 9.

Nach einer vormittäglichen Kritikrunde und einem wie immer reichlichen Mittagessen machten wir uns am frühen Nachmittag mit dem Bus auf den Weg ins Kloster Neustift. Schließlich hat jeder Mensch auch irgendwo eine religiöse Seite, selbst wenn er ohne Bekenntnis oder Agnostiker ist. Wir freuten uns alle besonders auf den Lustgarten, aus dem uns die Mönche allerdings aussperrten, da sie ihn wohl selbst für ihre Zwecke benötigten. Schlutzend kehrten wir um und beschlossen, den Aussichtspunkt in der Nähe zu besteigen. Nach einem anstrengenden Aufstieg empfingen uns zwei wild bellende Hunde, und so ergriffen wir schnellstens die Flucht.
Johannes und Martin verschwanden in einem Kaffeehaus und ließen uns allein am Fluß mit unseren Texten zurück ("Um fünf treffen wir uns bei der Bushaltestelle und schauen, ob es heute noch einen Bus gibt.").
Einige Stunden später trafen wir alle nach und nach im Café ein, um uns dort mit latte macchiato zu berauchen. Durch Martins Nachforschungen unter den Eingeborenen gelang es uns schließlich sogar, einen Bus nach Hause zu erwischen, wo wir uns sogleich aufs Abendessen stürzten.
Schreibblockade hin oder her beschlossen wir, das Nachtleben Brixens zu erkunden und tranken im Jazzkeller, der mehr Keller als Jazz war, ein Gläschen Wein, um uns für den nächsten schwierigen Schreibtag zu rüsten.
Zurück im Jugendhaus Kassianeum, spielten ein paar von uns dann noch eine Runde Watten, wobei Johannes das Weli entdeckte und seine Begeisterung dafür nicht mehr zu bremsen war. Irgendwann verkrochen wir uns dann endlich in unsere Betten, um doch noch ein paar Stunden Schlaf zu ergattern und am nächsten Morgen wieder halbwegs fit zu sein.

Sarah Preyer
Lydia Scherenzel

 

Montag, 6. 9.

Und dann kam er, der große Tag der Abschlußlesung. Wir hatten zwar unsere Texte schon fertig, waren aber trotzdem total aufgeregt. Denn für manche von uns war es das erste Mal, daß sie ihre eigenen Texte vor Publikum vorlesen würden. Da waren die Leseproben, die Johannes für uns ansetzte, doch eine gewisse Hilfe.
Unsere Mühe wurde am Abend nicht nur mit viel Applaus belohnt, sondern auch mit einem wunderbaren Buffet, an dem wir uns stärken konnten. Anschließend versuchten wir noch, in das Brixener Nachtleben einzutauchen, was zu fortgerückter Stunde zwar ein schwieriges Unternehmen war, aber unserer guten Laune nichts anhaben konnte.

Marlies Tasser

 

 

 



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