Werkstattwoche Grenzen los schreiben – Brixen 2000 – Tagebuch



Mittwoch, 30. August, Anreisetag

Was wir an diesem Tag gelernt haben: Sechs oder sieben, das macht schon einen Unterschied.
Zunächst betraten wir – nichts ahnend – den Zug, der uns nach Südtirol, zuerst aber einmal nach Innsbruck befördern sollte. Erwartet wurden wir aber 1.) nicht im richtigen Waggon und 2.) waren wir plötzlich um einen Teilnehmer zuviel, was dazu führte, dass ein Teil von uns – zwangsweise – in den Speisewagen verfrachtet wurde.

Trotzdem erreichten wir frohen Mutes Innsbruck, wo sich unser »Überzahlproblem« löste, indem wir weniger Teilnehmer als reservierte Plätze waren. Nachdem wir uns im Innsbrucker »Rosenkavalier« neuen Mut für die Weiterfahrt angetrunken hatten, traten wir diese aber unter den wachsamen Augen der italienischen Polizei an und schlossen mit der Pünktlichkeit und Genauigkeit, die – allen üblen Gerüchten zum Trotz – bei den italienischen Staatsbahnen herrscht, Bekanntschaft.

Nach einer unterhaltsamen Fahrt (wir müssen verdammt vorsichtig sein!) kamen wir nun wieder vollzählig in Brixen an. Der längere Fußmarsch zum »Kassianeum« gestaltete sich dadurch für viele leichter, da das Abendessen nun in greifbare Nähe gerückt war.

Zur Abrundung dieses Tages sollten wir uns dann im Meditationsraum der Jugendherberge so richtig kennenlernen. Zu diesem Zweck stellten sich alle mit Worten, manche auch mit Texten und Johannes sogar mit einem Film vor.

Nachdem dieser aber zeigte, was in Zügen so alles passieren kann, verbrachten viele sicher eine von Alpträumen gebeutelte Nacht.

Eva-Maria & Christof

 

Donnerstag, 31. August

aufstehen müde
essen gut
reden einfach
schreibe schnell
essen besser
schreibe scheiße, was?
essen gut
schreibe weiter
spielen alle
schreibe fertig
schlafen endlich aus.

 

Judith & Katharina

 

Freitag, 1. September

aufstehen nein aufstehen wollte niemand an diesem freitag. heiter blickte düsteres regengrau zum fenster herein. nicht ein stückchen blau trübte den himmel. zärtliches baggerbrummen entriss uns die letzten süßen träume.

tag sagte annemarie und streifte sich die sumpfigen stiefel am eingang der kapelle ab. dieerste war sie. wie immer. pünktlich. ohne rauch. besoffen nicht betrunken torklete der könig über die schwelle. »ich sage dazu später etwas.« lallte er, riss die schlüsselmacht an sich, fiel in den fluss. wo kam der her? »schade«, sagte es, blickte aus den scheiben. der ausblick war immer derselbe. »da hilft keine kirche mehr.« seufzte kri, der tik, griff roboterhaft zum glas. seinen leichnam fand man erst tage später. wut, abgrundtiefe aggressionen ballten sich zu wolkentürmen, aber aufgeben, nein aufgeben, wollte an diesem freitag niemand.

auch als fleischjunkies schweinshaxen verschmähend, nach den vegetarischem kartoffelpüree lechszten, ihre fettriefenden finger im gemüsestrudel festkrallten und ihre gierigen münder verzweifelt mit mozzarella und tomatensauce oder sowas zu verstopfen suchten, dachte niemand an tote.

so wandelten wir durch grüne auen, ließen uns nieder am ufer des flusses, blickten uns fragend in die augen »wo kam der her?«

verstört irren wir noch heute suchend nach der lösung, der lösung des problems. vielleicht liegt sie vor uns. monoton, ohne hohn, oft bodenlos, oder? jaaaaa!

aber schlafen, nein schlafen wollte an diesem freitag niemand.

dagmar & manuela

 

Samstag, 2. September

Wie jeden Tag sprangen wir auch am besagten Morgen voller Enthusiasmus aus den Betten und stürzten uns mit viel »Hallo« in den Speisesaal, wo alle Frühstückswünsche, wie immer, restlos erfüllt wurden. Voller großer Erwartungen schlang jeder die letzten Bissen hinunter und hetzte zur üblichen »Morgenmesse« in die Kapelle, wo wir Jünger uns bis zum Mittagessen aufhalten sollten.

Schon im Laufen zum Speisesaal, nur kurz am Speiseplan vorbeikeuchend, fragten sich die Österreicher unter den treuen Jüngern, wer oder was den »Ferri« sein soll, der oder eben das nach den Spinatpalatschinken, aber vor dem Apfelstrudel serviert werden sollte. Dieser war zum Unterschied von dem, der auf der Plose angeboten wurde, nicht schimmlig. Abgesehen von Schimmel und Regenwolken war auf der Plose auch ein Hahnenkampf zu besichtigen, an dem sich allerdings kein Federvieh, dafür aber zwei Hunde, die einen Plastikhahn zerfleischten, beteiligten.

Da die kurvenreiche Busfahrt ohnehin schon so appetitanregend war, wurden zum Abendessen eine Art südtirolerische Interpretation von durch und durch italienischen Carpeletti als »Schlutzkrapfen« präsentiert. Danach trennten sich die Wege der tapferen Jünger, die sich bei der nächsten Schlacht um die frischesten Semmeln wieder vereinen sollten.

Sarah & Clara

 

Montag, 4. September

Am offiziell letzten gemeinsamen Morgen im Jugendhaus Kassianeum war beim Frühstück – was ich in meinem Halbschlaf nur so nebenbei mitbekommen habe – von einer als »Die mysteriöse Gruppe der nächtlichen Würfler« bekannten Runde die Rede, welche in- und außerhalb des Meditationsraumes bis spät nach zwei Uhr früh einen Höllenlärm verursacht haben soll, worauf ich und einige andere einzig den Blick betroffen wissend senken konnten.

Der finale, zumal auch hektische Tagesverlauf, sozusagen der Endspurt, war dominiert von den allerletzten die Lesung betreffenden Vorbereitungen, was am frühen Nachmittag eine endgültige »Notfall-Kritikrunde« abhalten, nahezu vollendeten Texten den nötigen Feinschliff unter Verwendung der Computer geben, diese Texte ausdrucken, erneut korrigieren, nochmals ausdrucken etc. umfasste.

Danach spazierten manche, vor der sogenannten »Stunde der Wahrheit«, in die Stadt und verteilten, spät aber doch, die Flugblätter, auf denen Ort und Zeit der Veranstaltung angegeben waren, welche eigentlich längst unters Brixener Volk hätten gebracht werden sollen.

Die abendliche Lesung selbst verlief im großen und ganzen reibungslos, bis auf einen zerbrochenen Krug …, ich meine natürlich ein zerbrochenes Glas.

Anschließend traten die ersten Südtiroler, nicht ohne sich noch am vorzüglichen und reichlichen Büffet bedient zu haben, die Heimreise an; und ebenfalls für mich war die wirklich sehr interessante und lehrreiche Werkstattwoche zu Ende, als ich mich nach einer sechs Stunden andauernden Autofahrt, gegen vier Uhr morgens, in Niederösterreich wiederfand.

Markus

 

 

 

 

 



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